• Freiwillige zählen Obdachlose in Berlin: Die Solidarität darf nicht auf eine Nacht beschränkt bleiben

Freiwillige zählen Obdachlose in Berlin : Die Solidarität darf nicht auf eine Nacht beschränkt bleiben

Zählen allein ist noch keine Hilfeleistung. Aber es kann Grundlage dafür sein – deswegen ist die Aktion wichtig. Ein Kommentar.

Anna Thewalt
Ein Obdachloser liegt unter einer Decke in einem Eingang einer Kirche in Kreuzberg.
Ein Obdachloser liegt unter einer Decke in einem Eingang einer Kirche in Kreuzberg.Paul Zinken/dpa

Aus dem Wegsehen wird an diesem Mittwoch ein Hinschauen und – wenn möglich – sogar ein Ansprechen, ein Miteinander-ins-Gespräch-kommen. Rund 3.700 Freiwillige laufen in 500 Gruppen aufgeteilt durch Berlin, um obdachlose Menschen zu zählen. Es ist das erste Mal, dass eine solche Aktion in einer deutschen Großstadt stattfindet.

Bislang gibt es keine verlässlichen Zahlen, wie viele Obdachlose in Berlin auf der Straße leben. Die Schätzungen der Berliner Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales zeigen, warum der Versuch einer systematischen Zahlenerhebung notwendig und überfällig ist: Sie reichen von 2.000 bis zu 20.000. Wenn nicht einmal bekannt ist, um wie viele Personen es sich handelt, wie soll man dann auf ihre Bedürfnisse reagieren?

Deswegen ist die Aktion auch nicht scheinheilig, wie manche Kritiker sagen. Sie wurde von einer Arbeitsgruppe vorbereitet, in der auch wohnungslose und ehemals wohnunglose Menschen mitgearbeitet haben. Die Zahlen können die Grundlage dafür sein, gezielter da zu helfen, wo es wirklich notwendig ist. Wie viele Frauen leben auf der Straße? Wo kommen die Menschen her? Wie viele Minderjährige sind unter ihnen? Wie viele sitzen im Rollstuhl?

Konkrete Handlungen müssen folgen

Paris, wo die „Nacht der Solidarität“ 2020 bereits zum dritten Mal stattfindet, war Vorbild für die Berliner Aktion. Dort wurde bei der ersten Zählung festgestellt, dass es viel mehr obdachlose Frauen gab, als angenommen. Danach richtete die Stadt kurzfristig mehr Kältehilfeplätze für Frauen ein. Auch in Berlin darf die Solidarität nicht auf eine einzelne Nacht beschränkt bleiben – und das gilt im doppelten Sinne.

Zum einen müssen die offiziellen Stellen, sobald die Zahlen vorliegen, tätig werden und die Unterstützungsangebote anpassen. Dies muss in Absprache mit den Verbänden und Initiativen geschehen, die heute oftmals mit Freiwilligenarbeit das leisten, was eigentlich Aufgabe der Bezirke und der Stadt wäre. Eine offizielle Auflistung aller bereits bestehenden Hilfsangebote wäre eine wichtige Ergänzung zum Zählen der Obdachlosen; bislang gibt es sie nicht.

Zum anderen könnte die Zählaktion Anstoß geben für eine langfristige städtische Bewegung des solidarischen Handelns und für eine Diskussion über die Ursachen von wachsender Obdachlosigkeit. Dass sich so viele Berlinerinnen und Berliner freiwillig gemeldet haben, bei der Zählung mitzumachen, zeigt, dass das Interesse an der Lebensrealität von Obdachlosen und die Hilfsbereitschaft groß sind.

Sensibel zu sein in allen Nächten und an allen Tagen – gerade aber auch in den noch kommenden Wintermonaten: Wenn die „Nacht der Solidarität“ das auslösen würde, wäre schon etwas gewonnen.