Warum Pirat Christopher Lauer einen Denkfehler macht

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Gastkommentar zum Urheberrecht : Wovon, bitte, sollen die Künstler leben?

Die Logik der Piraten – „Die technischen Gegebenheiten des Internets stehen für uns wie Naturgesetze“, so der Berliner Abgeordnete Christopher Lauer – beruht auf einem Denkfehler: Technische Gegebenheiten sind eben keine Naturgesetze, sondern menschengemacht. Sie können und werden sich, anders als die Schwerkraft, wieder verändern. Die Rechtsprechung muss zwar mit bestimmten technischen Entwicklungen mithalten, wie sie es beispielsweise beim Aufkommen der ersten Kopierer, Videorekorder etc. mit den Speichermediengesetzen getan hat, aber sie darf von ihnen nicht dominiert werden. Ganz schlicht: Der Mensch sollte die Technik beherrschen und nicht die Technik den Menschen.

Die Vorstellung der Piraten, dass ein Künstler doch froh sein sollte, wenn sein Werk im Netz Aufmerksamkeit fände, ist ebenfalls völlig an den Schöpfern vorbeigedacht: Für absolute Anfänger in der Kunst mag es noch reizvoll sein, nur eine Bühne, aber kein Einkommen zu haben. Doch in keinem Berufsfeld würde man an einen Profi herantreten mit Worten wie: „Hören Sie mal, wenn Sie mir dieses Implantat umsonst einsetzen, sag ich das meinen Freunden weiter, und vielleicht zahlt irgendwer mal was.“ Wovon, bitte, sollen die Künstler, wenn nicht von ihrer Arbeit, leben? Wünschen sich die Piraten wirklich ein neofeudales Mäzenatentum, also unfreie Künstler, die im Auftrag und abhängig von ihren Gönnern (User, die mit Klicks – Micropayment – Zustimmung verteilen) Kunst produzieren?

Sehen Sie im Video eine Urheberrechts-Debatte auf der Re:publica 2012:

Video
Auf der 6. Re:publica wurde auch wieder viel über das Urheberrecht diskutiert.
Diskussionsrunde über Urheberrechte

Wenig nachvollziehbar ist auch die Vorstellung, die „Verwerter“ (Verlage, Plattenfirmen, Filmproduzenten) seien die schwarzen Schafe im System. Auch wenn man über eine Novellierung der Honorarverteilungen von Künstlern und Verwertern zugunsten der Künstler reden sollte: Offenbar haben die Piraten keine Vorstellung davon, wie viel Arbeit zum Beispiel ein Verlag für einen Autor erledigt. Crowdfunding ist keine Lösung: Was für die ein oder andere Indien-per-Fahrrad-Reise funktionieren mag, ist kein Modell für Tausende von Schriftstellern. Statt von einem Verlag einen Vorschuss zu bekommen, müssten sie in Eigenregie Geld für einen neuen Roman zusammenbetteln.

Wenn schon so gegen die Verwerter Front gemacht wird, fragt man sich, warum die Mega-Internetunternehmen, die wirklich im großen Stil absahnen, keine Häme trifft. Facebook, Google und Youtube werden von den Piraten nicht angegriffen. Was haben diese neoliberal agierenden Riesenunternehmen bitte mit anarchistischem Gedankengut zu tun? Da ist es doch einfacher, gegen die Kleinen zu Feld zu ziehen.

Die Autorin ist Schriftstellerin. Zuletzt ist ihr Gedichtband „Fundbüros und Verstecke“ erschienen.

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