Meinung : Generation Porno

Schmuddelfilme als Vorbild: Die Gewalt in Hardcore-Videos beeinflusst das Sexleben von Jugendlichen in Deutschland

Jakob Pastötter

Seit 30 Jahren ist das so: Jugendliche klären sich mit Pornofilmen auf. Als 1975 das generelle Pornografieverbot fiel und zeitgleich Betamax und VHS begannen, um die Zuneigung – also Kaufkraft – der Konsumenten zu konkurrieren, war es vorbei mit den neugierigen Blicken in Wäschekataloge, dem hastigen Blättern nach „Stellen“ in der Bibliothek der Eltern und der freudigen Erregung über „Spiegel“ und „Stern“ mit ihrem „Einmal pro Woche muss mindestens eine Nackte drin sein“-Konzept. Fast jeder kannte einen, der einen kannte mit Videorekorder. Selbstverständlich war auch der „Dealer“ immer mit dabei, der Kopien jener Sexfilme mitbrachte, die diese Zeit mindestens so prägten wie Lederjacken und Hardrock, nämlich Schulmädchenreport und kleine Schwedinnen, oder – Jugendschutz hin oder her – einen „echten“ Porno. Schon damals fanden viele nichts dabei, dem kleinen Bruder oder dem jungen Sohn die eigene Filmothek zugänglich zu machen mit dem gleichen Argument wie heute: „Das ist doch nur Sex. Das ist doch ganz natürlich.“

Doch ist es das wirklich – in einer Zeit, in der Hardcore-Sex allgegenwärtig geworden ist? Und was bedeutet der Dauerkonsum von Pornografie für unsere Gesellschaft, vor allem für Jugendliche?

Wirklich ernsthaft wird diese Frage in Deutschland zu selten gestellt. Lieber halten wir am Mythos vom nahtlosen Übergang vom Doktorspiel zum Teenager-Kuschelsex fest. Und bestätigten uns das nicht auch die (allerdings wenig repräsentativen) Umfragen unter Jugendlichen?

Teenager wussten sich schon immer zu helfen, wenn pubertäre Wünsche vom Schweigen der Erwachsenen begleitet wurden. Doch heute ist Sexualität kein Tabu mehr, das still und verklemmt behandelt wird – heute wird geschwätzt, was das Zeug hält. Ausgesagt wird so wenig wie damals, aber die Quantität hat exorbitante Ausmaße erreicht. Und die Kinder und Jugendlichen reagieren darauf, setzen mit ihrem neu erworbenen Porno- und Rap-Wissen noch eins drauf: Gang Bang und A*-Fick sind die coolen Schockerwörter von heute. Mit Verboten wäre es dementsprechend nicht getan, würden sie die Sache selbst doch noch viel interessanter machen. Aber beim Umgang mit Porno, da gälte es doch eine ganze Menge anzudenken und zu ändern.

Wenig hilfreich beim Verstehen des Phänomens Pornografie ist, dass es eine Vielzahl von Definitionen gibt. Zunächst muss festgehalten werden, was das Massenkonsumprodukt von einem strafrechtlich relevanten Tatbestand unterscheidet: Einen Porno unter Einhaltung des Jugendschutzes zu produzieren und zu konsumieren, ist legal. Wird er allerdings kombiniert mit expliziter Sexualität mit Kindern, Tieren oder mit Gewalt, wird daraus eine Straftat.

Die deutschen Gerichte haben entschieden, dass nicht jede Darstellung des Geschlechtsaktes als Pornografie gilt. So gehört der Sexfilm nicht in diese Kategorie (obgleich auch er immer wieder indiziert wird, also Jugendlichen unter 18 Jahren nicht zur Verfügung gestellt werden darf), ganz einfach, weil da beim Sex nur so getan wird als ob. Steht „Kunst“ drauf, kann selbst gegen die stark ins Pädophile tendierenden „Memoiren der Josefine Mutzenbacher“ nicht strafrechtlich vorgegangen werden, und das Argument „rein wissenschaftlich natürlich“ wiegt schwer genug, um selbst Aufnahmen von doktorspielenden Kindern in Aufklärungsbüchern – etwa in Günter Amendts „Sexbuch“ – juristisch unanfechtbar zu machen.

Die Definition des Oberlandesgerichts Düsseldorf von 1974 ist nach wie vor gültig. Demnach sind unter Pornografie im juristischen Sinn „grobe Darstellungen des Sexuellen zu verstehen, die in einer den Sexualtrieb aufstachelnden Weise den Menschen zum bloßen, auswechselbaren Objekt geschlechtlicher Begierde degradieren. Diese Darstellungen bleiben ohne Sinnzusammenhang mit anderen Lebensäußerungen und nehmen spurenhafte gedankliche Inhalte lediglich zum Vorwand für provozierende Sexualität.“

Was für eine psychosoziale Lücke füllt Porno aus? Ist es nicht ausreichend, Tag für Tag in wachsendem Ausmaß mit Schmuddelkram in den „normalen“ Medien konfrontiert zu werden? Warum vergeht da nicht der Appetit auf noch mehr vom selben, nur noch nackter und drastischer?

So sonderbar es klingen mag: Das genaue Gegenteil ist der Fall. Denn obwohl Porno keine Dokumentation ist, wirkt er doch näher dran am wirklichen Leben als das ganze Pseudofaktische, das uns öffentlich-rechtlich und privat präsentiert wird. In diesem Sinn ist Porno wie Fußball und MTV der mediale Gegenpol zu Talkshows und Infotainment. Wem das ganz normale mediale Geschwätz zu viel wird, der kann es abstellen, indem er das Programm wechselt zu „Body Rhythm“. Die feministische Filmwissenschaftlerin Linda Williams hat das als Erste erkannt: Porno gehört wie Action, Horror oder Melodram zu den Körper-Genres, die nicht den Intellekt, sondern körperliche Sensationen ansprechen, von Furcht bis zu sexueller Erregung.

Wer jetzt anmerkt, dass Porno genauso Illusion ist wie der mediale Mainstream, der hat ohne Zweifel recht. Aber er übersieht, dass es im Falschen nichts Richtiges geben kann. Wir leben nun einmal in der schönen neuen Welt der medialen Wirklichkeitsvermittlung. Ein kritisches Medienbewusstsein stellt leider für wenige eine reale Alternative dar.

Das soll beileibe keine Idyllisierung irgendeines paradiesisch gedachten Zustandes sein, denn ob wir wollen oder nicht: Menschsein heißt immer, in gesellschaftlichen Zwängen zu leben. Wir können uns Farben und Formen der uns umgebenden Grenzen aussuchen; ein sexuelles Happy-Hippie-Dasein ohne Einschränkung und Beschränkung ist nur in der Fantasie möglich – und eben auch nur dort erstrebenswert. Volkmar Sigusch, der Nestor der deutschen Sexualwissenschaft, hat ohne Zweifel recht mit seiner Aussage, dass „reine Sexualität“ eine Raubtiersexualität wäre. Da ist der Porno allzumal die ungefährlichere Variante.

Das hatten die Propagandisten der sexuellen Revolution allerdings ganz anders gesehen – oder vielleicht auch wieder nicht. Denn von Anfang an war die Ideologie nur ein dünner Firnis über knallharten Wirtschaftsinteressen. Nur überzeugte Anhänger des selbsternannten Sexualpropheten Wilhelm Reich hatten sich damals vor 40 Jahre Orgon-Kästen zur Sammlung und Potenzierung von Lebensenergie gebaut, überzeugte Kapitalisten hatten dagegen Pornos produziert und verkauft. Selbst die legendäre Kommune 1 hat mehr Wirkung durch ihre Kooperation mit den Medien, die sie sich gut bezahlen ließ (so entstand etwa das bekannte Bild der nackten Hinterteile zur Selbstvermarktung), entfaltet als durch die Propagierung der freien Liebe. „Das Private ist politisch“ war damals schon ein alter Hut, „Das Private bringt Kohle“ stellt dagegen ein Konzept dar, das den Test der Zeit bestanden hat.

Vorkämpferinnen der sexuellen Befreiung hatten da aber schon ihre eigenen schlechten Erfahrungen gemacht. Wer heute mit ihnen spricht, dem präsentiert sich ein anderes Bild als das von den männlichen Protagonisten der Revolution gezeichnete (die bekommen heute noch leuchtende Augen). Statt sexueller Erfüllung gab es nur Pflichterfüllung. Wer nicht mitzog, war noch zu sehr bourgeois, war spießig und – horribile dictu – frigide.

Mit der gesellschaftstransformierenden Kraft der Sexualität war es also bereits damals nicht allzu weit her, dafür aber mit der medientransformierenden umso mehr. Mit Sex konnte man schocken, mit Sex Leser an den Kiosk und in die Kinos locken. Die eigentliche Revolution war eine pornografische. Das hat man übrigens auch schon im Ausland entdeckt: Deutsche Medienschaffende sind berüchtigt, weil sie bei „mehr Erotik“ in der Unterhaltung immer gleich an Porno denken. Helmut Thoma, der Erfinder des Sexfilm-Recyclings auf RTL, hat es neulich am Rande einer Podiumsdiskussion auf den Punkt gebracht: „Ein Sexmagazin wie ,Liebe Sünde‘? Das Einzige, was heute zieht, ist Hardcore.“

In der Tat brummt das Geschäft mit „Erotic Home Entertainment“. In den USA werden jährlich 13 000 neue Pornofilme auf den Markt geworfen und damit etwa vier Milliarden Dollar umgesetzt, in Deutschland gehen Schätzungen von 3500 bis 7000 Neuproduktionen pro Jahr aus und einem Umsatz von 800 Millionen Euro. Die Flut ist ungebremst und wird sich auch durch das von der bayerischen Staatsregierung angedachte Verbot des Verleihs von Hardcore-Filmen in Videotheken nicht beseitigen lassen. Längst besteht die Möglichkeit, diese Filme über das Internet herunterzuladen, und es lässt sich einfach zu viel Geld verdienen mit einem Produkt, das billigst herzustellen ist.

Weshalb sollte man vor Porno trotzdem nicht kapitulieren? Aus demselben Grund, weshalb wir als Gesellschaft auch Alkohol und Tabak reglementieren: Es handelt sich dabei um psychoaktive Substanzen, die bei früher Gewöhnung das Gehirn neurophysiologisch verändern. Das tut Porno auch. Zwar verwandeln wir uns dadurch nicht in „masturbierende Monaden“, wie das im „Spiegel“-Jargon der 90er hieß und wie es die Jungautorin Ariadne von Schirach in ihrem Buch „Der Tanz um die Lust“ nicht müde wird an die Wand zu malen, aber uns wird signalisiert, dass es völlig in Ordnung ist, auf Liebe, Küssen und Zärtlichkeit zu verzichten. Zunehmend machen Sozialarbeiter die Beobachtung, dass Jugendliche aus den Schichten, die die meisten Pornofilme konsumieren, Zuneigung nicht mehr zeigen können. Wo nicht Zärtlichkeiten, sondern – zunehmend auch mit Gewalt vermengte – Pornografie zum Rollenvorbild wird, kann ein steigender Rollendruck vor allem auf junge Mädchen, hier „mitzuspielen“, nicht wundern. Und wir sollten uns nicht in der falschen Sicherheit wiegen, dass es nur „die da unten“ betrifft. Da sich so genannte repräsentative Umfragen beharrlich über den Pornokonsum und dessen Auswirkungen bei Jugendlichen ausschweigen, gelingt nur hin und wieder ein Blick auf die realen Verhältnisse.

Vor einigen Jahren kam es im Rockdale County im US-Bundesstaat Georgia zu einem drastischen Anstieg von Syphilis-Fällen bei jungen Mädchen aus der Mittelschicht. Die Ärzte wandten sich daraufhin an Epidemiologen, um die Ursache herauszufinden. Wie sich herausstellte, hatten sich an die 200 Jugendliche, manche erst 13 Jahre alt, an Sex-Partys beteiligt, bei denen Pornofilme als Blaupausen dienten. Als Gründe gaben die beteiligten Jugendliche zum einen Langeweile, zum anderen Protest gegen die Leistungserwartungen ihrer Eltern an. Ein Argument sticht aber besonders hervor: Alle beklagten, dass sich ihre Eltern überhaupt nicht für sie interessierten.

Die Ergebnisse der Unicef-Kinder- und Jugendstudie 2007 sind in dieser Hinsicht für Deutschland relevant: Mehr als die Hälfte der 15-Jährigen geben an, dass sich ihre Eltern kaum Zeit nehmen, sich mit ihnen zu unterhalten. Deutschland liegt in dieser Hinsicht auf dem letzten Platz – noch hinter den USA.

In Deutschland fiele ein „Rockdale County“ allerdings nicht weiter auf. Zu viele Eltern haben wenig bis kein Interesse an der Entwicklung ihrer Kinder. Darüber hinaus gibt es Sexualwissenschaft jenseits der reinen Sexualmedizin an den deutschen Universitäten und Forschungseinrichtungen nicht. Damit verfügt auch niemand über die notwendige Expertise, sich mit solchen Entwicklungen auseinanderzusetzen. Wie hatte es vor Jahren ein besonderes Exemplar der Gattung Homo Politicus ausgedrückt: „Mit Sexualität sollen sich die beschäftigen, die Probleme damit haben. Wir haben keene.“

Das ist leider immer noch der Stand der Dinge von Flensburg bis Garmisch: Sexualwissenschaft, die Licht in das Dunkel vieler zum Teil dramatischer gesellschaftlicher Veränderungen in unserem Verhältnis zu Lust und Liebe (und ihrer schwarzen Seiten Ausbeutung und Macht) bringen könnte, darf es nicht geben, um den „echten Männern“ bei uns den Spaß nicht zu verderben.

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