Auch nach drei Jahren in der Hauptstadt: Die Landeier bleiben provinziell

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Gentrifizierung : Wider den Hipster

Die weiblichen Mietkaserneninsassen waren in ihrer Heruntergekommenheit nicht gar so schäbig – furchtbar waren sie aber allemal. Von ihrer jugendlichen Bulimie war nur noch eine mittelmäßige Essstörung geblieben, die reichte aber, um im Sommer mit so genannten Hot Pants durch die Gegend zu laufen, wobei das „hot“ bei den meisten dieser Frauen fragwürdig gesetzt war. Ansonsten schafften sie es, Jeans zu kaufen, die noch enger waren als die der Männer, lieber aber trugen sie Röcke, eng und kurz, denn Sexyness war in ihrer Definition ein emanzipatorischer Wert an sich. Die Haare trugen sie meist lang und offen, eine Sonnenrille sollten ihnen jenes Geheimnisvolle geben, was sie nie hatten. Die Schuhe waren entweder sehr sehr hoch, oder sehr sehr flach, die Oberteile meistens eng.

Die Tatsache, dass die meisten der weiblichen Mietkaserneninsassen aus westdeutschen Dörfern mit wenigen Straßen kamen und sie sich deshalb in einer Großstadt nicht wirklich zurecht fanden, überspielten sie mit einer Mischung aus Naivität und Kampfeslust. Auch nach drei oder vier Jahren in Berlin staunten sie immer noch darüber, das auf Straßen Autos fuhren und das man sich nicht mitten auf eine Straße stellen konnte, um mal ein bisschen zu plaudern. Zu Hause, vor dem Hof der Eltern, war das doch möglich.

Das Interesse der weiblichen und männlichen Mietkaserneninsassen schwankte vor allem zwischen Kunst und Mode, obwohl sie von beidem keine Ahnung hatten. Politik war eher ein diffuses Gefühl, Gudrun Ensslin war immerhin eine Stilikone, Andreas Baader ein lässiger Hund, doch das reichte nicht zum Links werden. Medien, Design, Werbung – das alles versprach kreativ zu sein und erst um 9 Uhr aufstehen zu müssen, was zur Folge hatte, dass die weiblichen und die männlichen Mietkaserneninsassen bis in die Nacht die Straßen bevölkerten, in denen ich wohnen musste.“

Ob ich jetzt allerdings ein Befürworter oder ein Gegner der Gentrifizierung bin, habe ich noch nicht herausgefunden.

Matthias Kalles Buch „Normal hält das“ erscheint in diesen Tagen bei Ullstein Extra

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