Europa braucht eine politische Leitidee

Seite 2 von 4
Gesellschaft und Politik : Orientierung kommt nicht von selbst

Europas Identität, die eine Einheit in der Vielfalt begründet, beruht auf geistigen, kulturellen Grundlagen. Sie sind im Kern aus der griechisch-römischen Philosophie, den jüdisch-christlichen Religionen und dem humanistischen Erbe hervorgegangen. Im Menschenbild des Christentums, das auf Schöpfung und Erlösung gründet, sind wesentliche Züge der modernen Menschenrechte bereits angelegt: In der Idee von der Gleichheit aller Menschen, die von Gott erschaffen sind, von der Einheit der Menschheit, von der Einmaligkeit jedes Einzelnen, seiner Personalität und Eigenverantwortung, kurz: von der unverfügbaren Würde des Menschen.

Ebenfalls in Europa setzte jener Prozess ein, der als Säkularisierung firmiert und die sakrale Fundierung der Geschichte und die geistliche Legitimierung der staatlichen Existenz gänzlich abgeworfen hat: Der Staat wird nunmehr allein auf Rationalität und Bürgerwille gegründet. Josef Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., resümierte dazu in einem Vortrag über Europas Identität vor dem italienischen Senat im Jahre 2004: „Erstmals in der Geschichte überhaupt entsteht der rein säkulare Staat, der die göttliche Verbürgung und die Normierung des Politischen als mythische Weltansicht ablegt und Gott selbst zur Privatsache erklärt, die nicht ins Öffentliche der gemeinsamen Willensbildung gehört.“ Gleichwohl hat die Unbedingtheit, mit der Menschenwürde und Menschenrechte als Werte proklamiert werden, die jeder staatlichen Rechtsetzung vorangehen und daher nicht zur Disposition stehen, ganz wesentlich ihren Ursprung im christlichen Erbe, das gleichwohl oft nur verschämt neben anderen kulturellen Traditionen als Fundament reklamiert wird.

Es überrascht daher nicht, dass mit der Universalisierung dieser europäischen Kultur und ihrer technisch-säkularen Lebensmuster zugleich ihre Krise diagnostiziert wird – ein Befund, den auch Papst Benedikt bis heute umtreibt: „Europa scheint in dieser Stunde seines äußersten Erfolgs von innen her leer geworden, gleichsam von einer lebensbedrohenden Kreislaufkrise gelähmt, sozusagen auf Transplantate angewiesen, die dann aber doch seine Identität aufheben müssen.“ Dazu passen auch Ergebnisse einer Erhebung des Statistikamtes Eurostat, wonach es zwischen EU- Staaten erhebliche Unterschiede in der Einschätzung der Bedeutung von Religion gibt. 88 Prozent der Malteser etwa und 87 Prozent der Polen erklärten, Religion sei „wichtig“ in ihrem Leben. Fast gleich hoch waren die Werte in Griechenland, Zypern und Rumänien. Dagegen fanden Belgier (72 Prozent) und Tschechen (70 Prozent), Religion habe keine Bedeutung für ihr Leben. Und auch innerhalb Deutschlands sind die Unterschiede relativ groß. Während etwa 53 Prozent der Westdeutschen Religion als wichtig für ihr Leben bezeichneten, waren es in Ostdeutschland rund 26 Prozent.