Integration heißt nicht, Wurzeln zu kappen

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Gesellschaft und Politik : Orientierung kommt nicht von selbst

In unserem Zeitalter, in dem wir erschütternde Erfahrungen gemacht haben mit der Selektion vermeintlich wertvollen und angeblich unwerten Lebens, in Zeiten von Massenvernichtungswaffen und drohenden Klimakatastrophen durch menschliche Eingriffe in die Natur sollte der Glaube an die Überlegenheit verselbstständigter Vernunft gründlich abhandengekommen sein. Und zugleich haben wir doch auch in der eigenen Vergangenheit entsetzliche Erfahrungen mit der radikalen Instrumentalisierung von Glaubensüberzeugungen gemacht, die die Schlussfolgerung verbieten, man könnte Religion an die Stelle von Wissenschaft als Verhaltensorientierung einer modernen Gesellschaft setzen. Wir brauchen ganz offenkundig beides. Wir brauchen vor allem die Wiederherstellung des Zusammenhangs zwischen beiden kulturellen Orientierungen mit der historischen Erkenntnis, dass die Vernunft wie der Glaube der wechselseitigen Aufsicht bedürfen, weil sie jeweils alleine gelassen mindestens so viel Schaden wie Fortschritt anrichten.

Das Spannungsverhältnis zwischen Religion und Politik ist auch und gerade in modernen Gesellschaften nicht auflösbar. Es erfordert immer wieder die Besinnung auf das Gemeinsame und das jeweils Besondere.

Um dieses Gemeinsame, um den Zusammenhalt zu gewähren, sind überzeugende Antworten auch auf Fragen der Integration unverzichtbar. Es gab Zeiten in Deutschland, da reichte das fröhliche Bekenntnis zu einer multikulturellen Gesellschaft als Nachweis der Weltoffenheit, Toleranz und Modernität völlig aus. Die Zeiten haben sich geändert und die Debatten auch. Möglicherweise sind die Einsichten gewachsen, dass eine moderne Gesellschaft nicht nur Vielfalt braucht, sondern auch Gemeinsamkeit. Und dass das jeweils eine das andere nicht ersetzen kann. Ohne Gemeinsamkeit erträgt eine Gesellschaft auch keine Vielfalt. Die Frage ist jedoch längst nicht mehr, ob das eine das andere ersetzen kann, sondern wie diese Gemeinsamkeit zustande kommt. Integration kann man nicht auch gemeinsam schaffen, Integration kann man nur gemeinsam schaffen. Integration findet nur statt, wenn sie gewollt wird – auf beiden Seiten. Die vergangenen Monate haben uns drastisch vor Augen geführt, dass Menschen aus anderen Kulturkreisen sich ihres Lebens in Deutschland nicht überall sicher sein konnten, weil ihre fanatischen rechtsextremen Mörder sie nur als Fremde und Fremdes wahrgenommen haben, nicht als Mitbürger, Nachbarn und Mitmenschen, die sie waren. Deswegen müssen wir in Staat und Gesellschaft die Menschen ermutigen, die zur Toleranz bereit und in der Lage sind und die begriffen haben, dass Integration natürlich nicht heißt, Wurzeln zu kappen, aber natürlich heißt, Wurzeln zu schlagen. Und wer das eine mit dem anderen für unvereinbar erklärt, hat eine der wesentlichen Voraussetzungen für gelungene Integration in diesem Land beseitigt. Multikulturalität ist eine ebenso schöne wie gelegentlich strapaziöse Erfahrung. Sie kann und sollte Bereicherung sein, jedenfalls ist sie unvermeidliche Begleiterscheinung moderner Gesellschaften in Zeiten der Globalisierung. Aber der richtige Hinweis auf die Multikulturalität unserer Gesellschaft ist noch kein Konzept zur notwendigen Selbstverständigung und Orientierung unserer Gesellschaft. Und diese Orientierung ereignet sich nicht von selbst, sie muss gemeinsam erarbeitet werden. Nicht nur zur Weihnachtszeit.

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