Meinung : Höchste Zeit, dass wir auschecken

Reisen ist schlecht: Nicht nur für das Klima

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Von Burkhard Müller-Ullrich Mögen Sie die Atmosphäre in einem spanischen Restaurant auf Mallorca, das proppevoll von Deutschen ist? Lieben Sie das Klima in einem italienischen Supermarkt, in dem sich deutsche Urlauber lautstark darüber beschweren, dass es nur salzloses Brot und keine deutsche Wurst gibt? Zu Recht rufen unsere Politiker jetzt dazu auf, wir sollten mehr für das Klima tun und schön zu Hause bleiben. Denn wo wir als Touristen auftreten, da wird das Klima rasch bedenklich, und es kann sogar zu einer Klimakatastrophe kommen, wenn die Einheimischen uns nicht mit der gebührenden Demut begegnen.

Vor vier Jahren riss beispielsweise ein italienischer Staatssekretär gegenüber uns Deutschen die Klappe derart auf, dass Kanzler Schröder seinen in der Toskana geplanten Sommerurlaub zur Strafe strich und ihn demonstrativ in Hannover verbrachte. Das war schon mal ein erster Beitrag zum Klimaschutz in Italien.

Das Reisen ist ja überhaupt schädlich fürs Klima. Es stimmt einfach nicht, dass es, wie manchmal behauptet wird, zur Völkerverständigung beiträgt. Im Gegenteil: Touristen reisen nicht, um Fremdes zu verstehen, sondern um ihr Unverständnis zu bestätigen. Nichts fördert den Hass unter den Nationen mehr als die Urlaubsindustrie. Reisen bildet – oh ja: es bildet Ressentiments und Zwietracht heraus. Man kommt schließlich nicht umhin, sich zu fragen, was die vielen weltunkundigen Menschen, die jetzt in Massen billig durch die Lüfte fliegen, in der Fremde eigentlich verloren haben. In jedem Hotel umlagern sie die Rezeption in großen Scharen, während wir gerade ein- oder auschecken wollen.

Wie sich dann zeigt, handelt es sich oft um Klimaexperten, Umweltpolitiker und Naturschützer, die entweder einen Weltkongress oder eines der zahllosen Vorbereitungstreffen für einen solchen besuchen. Allein zur letzten großen Klimaschutzkonferenz düsten 6000 Delegierte nach Nairobi und zurück. Für das Klima war das gar nicht gut. Es wird vermutlich noch ein bisschen wärmer werden.

Doch wenn wir wirklich daheim bleiben sollen, dann ist eine gewisse Klimaerwärmung die Voraussetzung dafür. Das müssen die Klimaexperten, Umweltpolitiker und Naturschützer offenbar erst noch begreifen. Wir verreisen schließlich nicht, weil wir die Süd- oder die Thailänder so gern haben, sondern weil es dort wärmer ist.

Der Autor ist freier Journalist („Medienmärchen. Gesinnungstäter im Journalismus“, Blessing Verlag) und lebt in Köln und Genf.

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