Meinung : Jetzt erst wird’s ernst: Euro-Kitsch, Euro-Kuchen, Euro-Party

Roger Boyes, The Times

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Der Reihe nach. Die Europäische Union hat den Krieg verbannt. Das ist ein Erfolg. Kein einziger französischer Soldat ist mehr ins Rheinland einmarschiert, seit vor 50 Jahren die Römischen Verträge unterzeichnet wurden. Nie war es in Europa so lange so friedlich. Leben wir also sicher? Nein. Europa hat schlicht andere Wege entwickelt, sich umzubringen.

So hat Frau Merkel für die Feierlichkeiten zum Jahrestag der Unterzeichnung jedes Mitgliedsland aufgefordert, zwei Kuchen zu backen. 27 mal 2 gleich 54. Man muss sich nur die Liste der Kuchen anschauen, die in Berlin landen, um zu wissen, warum die EU bei Herzkrankheiten so weit oben liegt. Europa führt zwar keine Kriege mehr, produziert aber weiterhin Cholesterin-Streubomben. Aus Irland kommt ein Porter Cake – Sahne und Guinness –, Frankreich backt Baba au Rhum, Österreich eine riesige Sachertorte, Dänemark eine Apfelmeringue. Und das sind die „Du darfst“- Kuchen. Die meisten Länder pumpen einfach lasterweise Sahne in die ohnehin schon verstopften Arterien Berlins. Sogar der fettarme Beitrag der Deutschen, Frankfurter Kranz, klingt, als passte er besser zu einer Beerdigung als zu einem Geburtstag. Einige Tage lang wird in Berlin ein Nachbarfest der Hölle veranstaltet – jeder wird laut „lecker!“ rufen und heimlich den Kuchen an die Katze verfüttern. Ich kann es kaum erwarten.

Dabei wird es die größte diplomatische Party in der Hauptstadt seit dem Berliner Kongress 1878. Damals war die Stadt fast einen Monat lang bevölkert von Staatsoberhäuptern, Außenministern und Botschaftern: Bismarck, der ehrliche Makler, Benjamin Disraeli aus Großbritannien, Prinz Gortschakow aus Russland, Graf Gyula Andrássy für Österreich-Ungarn. Vergangene Woche habe ich versucht, die alten Orte aufzusuchen, vergeblich. Das Hotel Kaiserhof in der Wilhelmstraße, wo die Botschafter ihre Intrigen gesponnen haben, wurde 1943 von den Briten zerbombt, dort ist heute die Nordkoreanische Botschaft. Damals muss es eine Sensation gewesen sein: das erste Hotel Berlins mit elektrifizierten Räumen, mit Badezimmer und Telefon. Es hatte hydraulische Fahrstühle und einen ultramodernen Gasherd.

Das Radziwill-Palais, wo die Beratungen stattfanden, ist auch verschwunden. Einige der Delegierten wohnten im Hotel de Rome, Unter den Linden /Ecke Charlottenstraße, auch das damals eines der modernsten Hotels in Europa. Kaiser Wilhelm I. ließ sich regelmäßig eine Badewanne aus dem Hotel liefern – eine aus meiner Sicht eher unbequeme Art, sich zu waschen.

Beim Berliner Kongress ging es darum, den Einfluss Russlands zu reduzieren. Die „Berliner Erklärung“ hat ein idealistischeres Ziel: Sie soll der EU Vertrauen in ihre eigene politische und wirtschaftliche Mission einflößen. Es ist in Wahrheit nicht mehr als eine Mega-Geburtstagskarte, ein weniger bedeutendes Ereignis als die 1878er Konferenz. Damals veränderten die Staatschefs die Grenzen auf dem Balkan – immer ein gefährliches Unterfangen. Jetzt wollen sie lediglich den Wunsch formulieren, das die EU weitere 50 Jahre leben möge. Keiner weiß aber genau, was sie in diesem halben Jahrhundert machen soll. Die Welt vor einer Klimakrise zu bewahren, kann sicherlich nicht ihre Hauptaufgabe sein; nichts trennt Europa mehr als das Wetter. Doch die europäischen Führer sollten ruhig anständig feiern. Angela Merkel weiß ja aus ihrer Zeit als FDJ-Kulturaktivistin, wie man ein schönes Fest organisiert. Und diesmal hat sie sogar die Unterstützung des Party-Animals und Ehemanns Joachim Sauer: Wo immer Professor Sauer auftaucht, werden die Gäste lebendig, steigt die Stimmung und alle fangen sofort an, Polka zu tanzen. So ein Typ ist er.

Die „Berliner Erklärung“ bleibt trotzdem eine wenig mysteriös. Die Zukunft Europas soll auf einer einzigen Seite starker, eleganter Prosa so zusammengefasst werden, dass ein „Bild“-Leser es versteht. Laut Plan soll sie einen einzigen Autor haben – wer das sein soll, ist das bestgehütete Geheimnis der Diplomaten. Schade, denn ich hätte mich gern beworben. Ich wette, die Regierung hat „Bild“- Kolumnist Franz Josef Wagner engagiert. Er kennt sich in Europa sicher gut aus, er verbringt ja so viel Zeit in der Paris Bar.

Fünfzigste Geburtstage sind peinlich (und ich weiß, wovon ich spreche), aber ich bin mir sicher, mithilfe der Herren Sauer und Wagner und der besten Partyköche Europas werden wir es gut überstehen. Beethovens Neunte, dazu wedeln Kinder mit den blauen Flaggen, und alle haben ihren Spaß. Vielleicht wird Europa irgendwann eine Bestimmung finden. In der Zwischenzeit lassen Sie uns einen Tag des Euro-Kitsches genießen. Für Kitsch hat schließlich keiner so viel übrig wie der Berliner.

Aus dem Englischen übersetzt von Moritz Schuller.

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