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Kontrapunkt : "Ich bin katholisch – und das ist auch gut so!"

Das Wenige, was man vom neuen Erzbischof weiß, wird lustvoll gegen ihn gewendet. Nicht die unbefangene Neugier dominiert, sondern das kenntnislose Vorab-Verurteilen-Wollen. Beispiel "Opus Dei". Obwohl Woelki längst beflissen erklärt hat, kein Mitglied bei der Personalprälatur (einem Art Bistum ohne Territorium) "Opus Dei" zu sein, sondern nur an deren "Universität vom Heiligen Kreuz" seinen Doktor gemacht zu haben, sind die Alarmsirenen in Berlin auf volle Lautstärke gedreht.

Spätestens seit Dan Browns "Da Vinci Code – Sakrileg" kursieren üble Verleumdungen über die 1928 gegründete katholische Laienbewegung. Sie sei geheimbündlerisch, sektenähnlich, mafiaähnlich, ultrakonservativ, erziehe zu blindem Gehorsam, greife nach der Macht. Peter Hertels Buch "Schleichende Übernahme – Josemaria Escrivá, sein Opus Dei und die Macht im Vatikan" nährt solche Verschwörungstheorien.

Zum größten Teil widerlegt werden sie von dem 2005 erschienenen Standardwerk "Opus Dei: An Objective Look Behind the Myths and Reality of the Most Controversial Force in the Catholic Church". Der Autor, John L. Allen, arbeitet seit vielen Jahren als Spezialist für die Römisch-Katholische Kirche und den Vatikan aus Rom für CNN und NPR. Er schreibt außerdem für die "New York Times", "The Nation" und den "Miami Herald". Laut Allen ist der "Opus Dei" weder wohlhabend noch groß, ihm gehören 40 von weltweit 4500 Bischöfen an. Die ersten Gerüchte über die Organisation seien gezielt von Jesuiten gestreut worden, die den "Opus Dei" als Rivale empfanden. Später dann sei "Opus Dei" zum "Darth Vader of the liberal Catholic imagination" geworden.

Die Wahrheit ist wohl banaler. Das "Opus Dei" betont, weder eine Sekte noch ein Orden zu sein und keine eigene Lehre zu besitzen. Sowohl religiös-theologisch als auch weltanschaulich-politisch lehnt es sich eng an die offizielle katholische Lehre an. Es ist also so konservativ, erzkonservativ oder ultrakonservativ wie der Papst selbst. Mitglied kann jeder erwachsene Katholik werden, unabhängig von Beruf, Geschlecht oder Nationalität. Das Ziel ist, das Evangelium möglichst wahrhaftig zu leben, innerweltlich und im Geist der Bergpredigt. Das politische Handeln wird an der Soziallehre der Katholischen Kirche ausgerichtet.

Verständlicherweise befremdlich am "Opus Dei" wirken die von einigen Mitgliedern praktizierten Formen von Geißelung, Askese und Buße. Dazu gehören nicht nur das regelmäßige Fasten, sondern auch die Benutzung von Buß-Band (ein Band mit nach innen gerichteten Dornen, das am Oberschenkel getragen wird) und Buß-Geißel. Zwei Stunden täglich soll das Buß-Band getragen werden, und wöchentlich soll man sich geißeln. Dem liegt ein besonderes Verständnis von Sünde und Erlösung zugrunde: Indem der Gläubige freiwillig Leid auf sich nimmt und erträgt, ist er am Erlösungswerk der ganzen Menschheit beteiligt.

Das kann man abartig finden – und die meisten Berliner werden das auch. Doch in vergleichender Religionssicht verlieren solche Praktiken etwas von ihrer Exzentrik. In vielen Religionen und Weltanschauungslehren (bis hin zum Buddhismus, indischen Nagelmatten und einigen Yoga-Lehren) wird durchaus ein enges Verhältnis zwischen Askese, Fasten und dem Ertragen von Schmerz einerseits und der Erleuchtung, dem spirituellen Erleben und der Erlösung andererseits propagiert.

Rainer Maria Woelki wird es nicht leicht haben in Berlin. Das spürt er sicher schon. Vielleicht hülfe ihm ein kleiner Einstandswitz. Seine erste Pressekonferenz heute könnte er mit dem Satz beenden: "Ich bin katholisch – und das ist auch gut so!"

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