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Kontrapunkt : So sind sie nun mal, die Araber

Ein zweiter Einwand könnte lauten, Amerika sei ein Teil des Westens und müsse sich daher an anderen, moralisch höheren Kategorien messen lassen als die libyschen Rebellen. Doch so sauber können die Dinge nicht getrennt werden. Inzwischen ist offenkundig, dass die Nato eine herausragend wichtige Rolle beim Sturz Gaddafis und dessen Festnahme gespielt hat. Die Nato war Kriegspartei und beförderte mit Zigtausenden von Luftschlägen das Ende des Regimes. Damit hat sie auch eine moralische Mitverantwortung für das, was im Land geschieht.

Dieselben Tugendwächter, die jetzt bei Gaddafi so schweigsam sind, haben sich vor knapp 30 Jahren noch entrüstet gezeigt, als libanesische Phalange-Milizen in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila ein Massaker verübten, nachdem zuvor palästinensische und muslimische Gruppen in der christlichen Stadt Damur gemetzelt hatten. Doch entrüstet war man damals weniger über die Taten der Mörder – der Hauptverantwortliche, Elie Hobeika, wurde nie zur Verantwortung gezogen - als über das Nichtstun israelischer Soldaten, die nicht eingegriffen hatten. Damals die Mitverantwortung Israels in Libanon anprangern, aber heute über die Mitverantwortung der Nato in Libyen hinwegsehen, ist bigott.

Muammar al Gaddafi
Am Ende der Betonröhren soll Gaddafi in die Hände der Rebellen gefallen sein. Noch lebend. Später hieß es, er sei seinen Verletzungen erlegen. Zum Beweis wurden Bilder des Toten versendet.Weitere Bilder anzeigen
1 von 38Fotos: AFP, rtr
20.10.2011 17:34Am Ende der Betonröhren soll Gaddafi in die Hände der Rebellen gefallen sein. Noch lebend. Später hieß es, er sei seinen...

Was also ist – abgesehen von den traditionell stets heftigeren Moral-Reflexen in Deutschland, sobald Israel oder die USA involviert sind – der wahre Grund für das Messen mit zweierlei Maß? Die Antwort fällt nicht schwer – es ist unser Rassismus gegenüber Arabern und Muslimen. Die neigen nun mal zur Überreaktion, sind leichter erregbar als andere (Karikaturenstreit), hängen den einen, lynchen den anderen. Das alles wird bei uns oft gewissermaßen als gesellschaftstypische Folklore wahrgenommen.

In Freitagspredigten mokieren sich Muslime gelegentlich über das „Märchen von den Gaskammern“, Apostasie – die Ausübung eines Freiheitsrechtes! - wird vielerorts mit dem Tode bestraft, in Ägypten und dem Irak werden Christen drangsaliert und verfolgt, Homosexualität und Ehebruch wird schwer geahndet. Amnesty International und Human Rights Watch kritisieren längst auch die von libyschen Rebellen verübte Folter, und soeben wird die Scharia im Land eingeführt, die zum Teil im eklatanten Widerspruch zu westlichen Normen steht. Und hier heißt es achselzuckend: So sind sie nun mal.

Und weil sie nun mal so sind, wird ihnen der Umgang mit Gaddafi verziehen, während Merkel wegen ihrer Freude über den Tod Bin Ladens zur Minna gemacht wird. So einfach ist das – und so beschämend.

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