Der Mixer im Wörterbrei dreht sich schneller

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Lesen und Schreiben im digitalen Zeitalter : Wer schreit, bleibt länger
Überall Daten. Bei jeder Bewegung im Netz hinterlassen wir Spuren. Aber auch unsere Ausdrucksweise kann sich verändern.
Überall Daten. Bei jeder Bewegung im Netz hinterlassen wir Spuren. Aber auch unsere Ausdrucksweise kann sich verändern.Foto: alphaspirit Fotolia

Damit richtig umzugehen ist nicht immer leicht. Die Frau eines Afghanistan-Soldaten erzählt, dass sie mit ihrem Mann gar nicht mehr skypt, weil die Welten, in denen sie leben, zu verschieden sind, um in kurzer Zeit echte Kommunikation zu ermöglichen. Während er von Ferne die Schüsse der Taliban hört, kocht ihre Milch gerade über, und die Kinder streiten sich. Das funktioniert nicht. Am besten seien Briefe, sagt sie.

Vor achtzig Jahren, im November 1934, hielt Gertrude Stein an der Universität von Chicago einen Vortrag über „Poesie und Grammatik“. Ein halbes Jahr später, im März 1935, baute sie ihre Gedanken zu dem kleinen Büchlein „Narration“ aus (auf Deutsch: „Erzählen“, Edition Suhrkamp). Mit der Interpunktion ging sie bewusst sparsam um, weil sie meinte, eine reduzierte Lesegeschwindigkeit erhöhe die Konzentration. Ein Beispiel: „Es ist eine sehr seltsame Sache dass eine Geschichte die von irgendwem über etwas erzählt wird das nicht wirklich aufregend gewesen ist spannend ist und eine Geschichte die über etwas erzählt wird das wirklich aufregend gewesen ist nicht spannend ist. Sie ist eine sehr seltsame Sache diese Sache.“

Eins werden mit der Rolle, in die man geschlüpft ist

Der Mixer im Wörterbrei dreht sich schneller. Was hilft dagegen? Brüllen, Flüstern, Verlangsamung, Nähe durch „Ich“ oder andere Formen der Authentizität schaffen, ein Markenzeichen erfinden? „Spiegel Online“ hat einige solcher Markenzeichen erfunden. Man könnte sie auch Posen nennen. Jan Fleischhauer nimmt sich im „schwarzen Kanal“ die Linken vor die Brust, Jakob Augstein – „im Zweifel links“ – zieht über die Konservativen her, Sascha Lobo sinniert übers Digitale. Woche für Woche. Wie der Kasperle dem Krokodil hauen sie ihren ideologischen Widersachern mit der Klatsche auf den Kopf. Das Publikum johlt. Mal ist der Jan das Kasperle, mal der Jakob.

Wer weiß, vielleicht wird sich auch das bald abnutzen. Und die Inhaber der Markenzeichen werden merken, dass sie eins geworden sind mit der Rolle, in die sie einst geschlüpft waren. Egal, was sie sonst noch zu sagen und schreiben hätten, sie finden sich immer schon vor – in den Erwartungen der Leser. Ihr Image ist die Haut, aus der sie nicht mehr herauskönnen. Klaus Kinski hat irgendwann nur noch Bösewichter gespielt – und war selbst einer. Jennifer Aniston bleibt auf ewig Rachel in „Friends“.

Auf die Gutenberg-Galaxis folgte die Turing-Galaxis. (Der britische Mathematiker und Informatiker Alan Turing hatte 1936 ein Berechenbarkeitsmodell für seine Turingmaschine entwickelt und damit das Zeitalter der automatischen Datenverarbeitung eingeleitet.) Es gibt Zeitungen, die in großer Schrift Tweets berühmter Blogger abdrucken. Was ist das, was dadurch entsteht? Ein Plakat, ein Gedicht, ein Aphorismus, Poesie, Prosa? Die Formen vermischen sich, assoziative Verknüpfungen triumphieren über Stringenz und Linearität. „Die Art und Weise, in der die menschliche Sinneswahrnehmung sich organisiert – das Medium, in dem sie erfolgt –, ist nicht nur natürlich, sondern auch geschichtlich bedingt“, heißt es bei Walter Benjamin in seinem 1935 im Exil verfassten Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“.

Schreiben, damit man von Google gefunden wird

Viele Redakteure schreiben ihre Texte heute so, dass sie möglichst prominent von Google erkannt und entsprechend bei Google-News platziert werden. Es gibt eine Fülle solcher Aufmerksamkeitserzeugungstricks. Wortwiederholungen, Linkboxen, die richtige Verschlagwortung. Wer schafft es am erfolgreichsten, Google zu überlisten und die Suchmaschine mit ihren eigenen Waffen zu schlagen? Die Freude darüber, wenn es gelingt, ist manchmal größer als über eine gelungene Formulierung. Ein Franz Kafka, der bestimmt hatte, dass aus seinem Nachlass alles restlos und ungelesen zu verbrennen sei, ist der wohl radikalste Gegenentwurf dazu.

Das Ringen mit der Sprache, das Stellen der Schrift, wird zunehmend ergänzt, manchmal ersetzt durch das Ringen mit Aufmerksamkeitsdefiziten, Ignoranz, dem allzu raschen Versinken im Wörterbrei. Die Zahl der Facebook-Likes und Twitter-Follower wird zum zusätzlichen Gradmesser für Relevanz. Wer schreibt, bleibt. Wer schreit und schreibt, bleibt länger. Mit dieser Erkenntnis wurde der „Rant“ geboren, ein „subjektiver Wortschwall aggressiven Inhalts“, wie das Genre gelegentlich übersetzt wird.

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