Leserbriefe : Mehr Staat für Kinder

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„Knete für Mutti“ vom 12. März

Alexander Gauland kommt das Verdienst zu, zwischen zwei großen Gruppen von Frauen zu differenzieren, den Müttern, die arbeiten müssen, um ihre Kinder ernähren zu können, und den Frauen, die ihre Ausbildung im Beruf anwenden wollen, ohne auf Kinder zu verzichten. Zur Versachlichung der Debatte aber wäre es notwendig, weitere Interessengruppen zu erkennen und die komplexe Problematik, vor die die Familienpolitiker gestellt sind, anzuerkennen.

In den Talkshows war an der Verteidigung der eigenen Verhaltensweise zu beobachten, wie egozentriert die Betrachtung ist. Daneben gab es Beispiele dafür, wie vergänglich die eigene Biografie wird, wenn man Wunschdenken populistisch vermarkten will (Eva Herrmann und Christa Müller). Unserem Staat zu unterstellen, er wolle die Kinder der elterlichen Fürsorge entziehen, die Mütter als Arbeitskräfte rekrutieren oder die Rolle der Hausfrau als Mutter diskreditieren, ist abwegig. Wir erwarten vielmehr alle, dass sich der Staat um Kinder kümmert, deren Eltern ihrer fürsorgerischen und erzieherischen Verpflichtung nicht nachkommen. Und zumindest viele Frauen und Männer erwarten, dass der Staat ihnen im Zuge der Gleichberechtigung – auch mit den Kinderlosen – die Fortsetzung der Erwerbstätigkeit ermöglicht und sie auch bei einer beruflichen Weiterentwicklung unterstützt. Jeder weiß, dass Kinder der Karriere nicht förderlich sind, aber es darf der Versuch, den Lebensstandard trotz der Kinder aufrechtzuerhalten, nicht behindert oder gar verurteilt werden.

Da es keine Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen gibt, die der Krippen- und Kita-Betreuung nur Nachteile nachweisen, und dieses System wie andere Alternativen sicherlich Vorzüge vorweisen kann, muss der Staat die Betreuung von Kindern entweder selbst ausbauen oder deren Ausdehnung fördern. Der Staat macht Gesetze, die für alle gelten. Das sollte man bei allen Vorschlägen bedenken. Schon beim Kindergeld kann niemand sicherstellen, dass es wirklich nur den Kindern zugutekommt. Deshalb ist es nicht sinnvoll, den Aufwand für Kinderbetreuung auszuzahlen an diejenigen, die es vorziehen, sie in Eigenregie zu betreiben, oder dies nur vorgeben. Auch eine Einschränkung des Rechtes auf Kinderbetreuung auf die Berufstätigen ist nicht im Interesse der Allgemeinheit, weil wir uns eine Verbesserung der Chancengleichheit für Kinder aus bildungsfernen Schichten und solche mit Migrationshintergrund versprechen. Wir geben es ja selten zu, aber die große Koalition ist jetzt auf einem guten Weg.

Jürgen Kirschning, Berlin-Moabit

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