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Leserkommentar : Wie kann Integration gelingen?
Dr. Klaus-D. Paatzsch

1. Sie werden daran gehindert, weil sie noch zu stark traditionell und familiär an  ihrer alten Gesellschaft hängen.

Diese alte Gesellschaft ist bis heute noch teils  geprägt von bäuerlichen, mittelalterlichen Verhältnissen und damit mit stark religiös und gewaltbereitem Potenzial. Damit ist beispielsweise die häufig hohe Zahl von Nachkommen erklärlich, die den Eltern einen sicheren Lebensabend garantieren soll, dem Vater einen eigenen großen Einflussbereich und der Familie zusätzliche Einkommen durch Eheverträge bei der Heirat der Töchter verschafft. Dass damit die Frauen, deren Rollenbild in diesen  Familien stark von Mutter und Hausfrau und Erzieherin geprägt ist, in unserer bildungsbetonten und fachlich spezialisierten Welt total überfordert sind, liegt auf der Hand.                                 

Oder:  Die Familien kommen aus Teilen der Welt, in denen Gewalt und Krieg noch eine große, häufig auch traumatisierende Rolle spielen (Probleme der Kurden, Iraker, Palästinenser, Libanesen). Demzufolge gehört bei vielen Menschen, besonders bei den männlichen,  Gewaltausübung zum normalen Leben, um Rechte und Vorstellungen individuell durchzusetzen.

2. Sie werden daran gehindert, weil sie gegenüber der deutschen Gesellschaft voreingenommen sind.

Viele aus diesen Gruppen halten den deutschen Staat und die deutsche Gesellschaft für schwach und verdorben. In vielen Gesprächen, wenn es z.B.  im Fach Wirtschaft um Arbeitslosigkeit und Schwarzarbeit ging, bekundeten die Schüler, dass die Behörden doch zu schwach seien, diese für sie gängige Praxis zu unterbinden. Die deutschen Mädchen seien verdorben, weil sie sich leicht bekleideten oder schon vor der Ehe sexuelle Kontakte hätten, die Jungen seien schwach, weil sie sich nicht, wie es männlich ist, mit den Fäusten oder Messern  wehrten. Die Deutschen nähmen es mit der Religion nicht mehr ernst, sie selbst würden beten und fasten und damit ein gottgefälliges Leben führen, so hören sie es in den Koranschulen und aus dem Elternhaus.

Sie haben noch nicht verstanden, dass der Staat nicht allmächtig ist, nicht, dass die Befreiung der Frau und die Befreiung vom Primat der Religion das Ende eines jahrhundertelangen Prozesses sind. Sie bleiben in ihrer eingeschränkten Sicht und bleiben damit lieber unter sich, in einer bewussten oder unbewussten inneren Emigration - inmitten einer verdorbenen Gesellschaft.

3. Sie werden daran gehindert, weil sie zu wenig  und zu Wenige von der deutschen Gesellschaft kennen.

Es ist nicht schwer feststellbar, dass die Medien,  die kulturellen Einrichtungen  und die geographischen Schönheiten Deutschlands  diesen Jugendlichen weithin unbekannt sind, außer Privatsendern, Kino  und Berlin. Sie  sehen arabische/türkische Sendungen, kennen die Schlagzeilen der entsprechenden Printmedien und bleiben in ihrem Kiez. Ihre Nachbarn sind auch Ausländer, in der Schule sind die Deutschen schon die Ausnahme und werden  gemobbt. Sie können nichts über die Berufe ihrer Eltern sagen, weil diese meist arbeitslos sind, sie wissen nicht, wofür sie sich beruflich entscheiden sollen, weil ihre vielen Verwandten es auch nicht wissen. 

Die Mädchen bereiten sich darauf vor, einmal zu heiraten und Kinder zu bekommen, die Jungen sind der Auffassung, einer Karriere wie der von Fußballprofi Mesut Özil stände nichts im Wege oder allenfalls spricht sie der fast aussichtslose Berufswunsch eines Kfz-Mechatronikers an.  Und ansonsten erst mal nach der 10. Klasse in irgendeiner  von den zahlreichen Berliner Schullaufbahnen parken, aber sich noch nicht ausbilden lassen oder arbeiten. Und das, obwohl sich in der Schule seit einigen Jahren Berufsberater und Leute von der Vertieften Berufsorientierung die Klinke in die Hand geben.

4. Sie werden daran gehindert, weil die deutsche Gesellschaft ihnen zu spärlich spezifische Angebote macht und ihnen so nicht den erhofften sozialen Aufstieg ermöglicht.

Impetus aller Ansätze, deutscher wie migrantischer, müsste einerseits ein hohes Verständnis für die persönliche und soziale Situation dieser Menschen sein, aber andererseits auch eine unmissverständliche Begleitung in unsere Gesellschaft.

Einige Lösungsansätze findet man bereits in den bisherigen Darlegungen, wenn man sie daraufhin abklopft, einige andere will ich noch abschließend benennen, fixiert auf die Ausbildungs- und Berufswelt.

Sowohl Wirtschaft als auch Verwaltung müssen diesen Jugendlichen eine Perspektive geben und konkrete Angebote machen, auch wenn kein Mittlerer Schulabschluss (dabei werden doch viele Potentiale gar nicht erfasst) erreicht wurde. Gefragt sind Phantasie und  der Mut, die eigene Realität auch an die der Heranwachsenden anzupassen

Da  wäre die noch häufig ungenutzte Mehrsprachigkeit, die, wenn vervollkommnet, in vielen Bereichen eine Bereicherung wäre, als  Taxifahrer, im Krankenhaus, als Fachfrau für Touristik, bei Behörden und Versicherungen.

So genannte Existenzgründungen, kleine selbstständige Unternehmen entsprächen den Erfahrungen und der Flexibilität  vieler dieser Menschen, wenn sie dafür die institutionelle Unterstützung bekämen.

Viele Schüler haben aufgrund ihrer Ethnie ein besonderes Maß an Emotionalität und Begeisterungsfähigkeit, die gerade in künstlerischen Berufen gebraucht werden. 

Andere wiederum sind geschickte Handarbeiter, deren Fertigkeiten die Gesellschaft nicht brach liegen lassen sollte…

Ausblick:  Es müssen  schnell Pfade gefunden werden, um diese jungen Bürger auf dem Weg der Identifizierung mit Deutschland zu begleiten; mit einem freundlichen Händedruck  und ausgerüstet mit festem Schuhwerk, eine Aufgabe für die Aufnahme- und die Zuwanderungsgesellschaft. Laufen lernen müssen sie allein, indem sie sich auf die deutsche  Gesellschaft einlassen, sie zu ihrer Sache machen. 

Dr. Klaus-D. Paatzsch

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