Admiral Nelson und Tom Simpson - Selbstzerstörung als Selbstbild

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Männer : Das entehrte Geschlecht
Ralf Bönt

Das Bild, das der Mann von sich gemacht hat, ist noch immer das des Admirals Nelson: Am Ende der Schlacht von Trafalgar ließ sich der Engländer absichtlich erschießen, um als perfekter Held in die Geschichte einzugehen. Siegreich über Napoleons Flotte und dabei für das Vaterland gefallen, ins Vaterland eingefahren. Das ist die Vereinigung, die den Mann erlöst. Wer Nelson nicht mehr kennt, der nimmt Tom Simpson, den großen Toten der Tour de France. Bevor Simpson in der südfranzösischen Sauhitze als Spitzenreiter der Tour den Mont Ventoux hinauffuhr, kippte er noch schnell zwei Cognac. Einige Kilometer unterhalb des Gipfels, in der baumlosen Steinwüste mit ihrem gefürchteten Gegenwind, starb er. Heute erinnert eine Ehrentafel am Wegesrand an ihn, und Sportler aus aller Welt legen ihre Wasserflaschen ab oder was immer sie für angemessen halten, ihr Vorbild zu ehren. Jüngst warb der Hersteller von Rennsätteln mit einem Sauerstoffzelt, das mit dem Erwerb seines Produktes offenbar in Reichweite kommt: ein sprechendes Bild für den Platz des Mannes. Denn Mediziner bemängeln, dass Männer entweder zu wenig Bewegung haben oder beim Sport übertreiben. Immer schaden sie sich, als gelte es, den Körper nicht zu lieben, sondern ihn gleichzeitig zu ignorieren und aus ihm zu holen, was drin ist.

Als Frauen sich gegen die rigiden Rollen zur Wehr zu setzen begannen, hat sich der Mann aber nicht gegen seine gewandt und mehr Freiheit gefordert. Stattdessen hat er sich nach langem Warten nur heruntergebeugt, um zu beteuern, wie unnachgiebig er der Frau im Kampf gegen ihn selbst helfen wird. Deshalb ist er heute das entehrte Geschlecht, das alberne Genital. Wenn er nicht gleich das gefährliche Geschlecht ist, das man bekämpfen muss, wo immer es auftritt. Wer sähe darin schon einen Widerspruch, solange es nur darum geht, gegen den Mann vorgehen zu können.

Die Zahl allein lebender Männer in Deutschland ist rasant angestiegen, allein zwischen 1996 und 2006 um 36 Prozent. Frauen leben allein, weil sie Witwen sind, Männer, weil sie ledig sind. Ihre Lebenserwartung ist noch geringer als die der Männer in Partnerschaft. Das verwundert nicht. Ich habe Männer gesprochen, die zur Physiotherapie gehen, um einmal angefasst zu werden. Manche mögen übervolle Busse oder stehen gerne im Gedränge von Diskotheken, weil sie dann Körperkontakt haben können. Das mögen Extremfälle sein, aber generell steht der Mann nicht im Mittelpunkt, wie man jahrzehntelang in feministischer Fixierung auf repräsentative Positionen behauptet hat. Er ist auch nicht bei sich oder frei oder gar so etwas Fantastisches wie selbstverwirklicht. Ohne andere, soweit haben wir die Mythen der Nachkriegszeit schon entzaubert, kann man sich ja eh nicht verwirklichen.

Am wenigsten frei sind vielleicht gerade jene im Rampenlicht Stehenden, die sogenannten Mächtigen, diese Handvoll Präsidenten und Kanzler und Minister und ihre paar hundert oder tausend Entscheider, die in der Hierarchie unter ihnen stehen. Statt bei sich, frei oder verwirklicht zu sein, was immer man unter diesen Adjektiven verstehen möchte, sind sie Funktionsträger. Wenn der Bundespräsident vom japanischen Kaiser oder vom Papst empfangen wird, dann wissen beide um das Protokoll. Sie mögen sich geschmeichelt fühlen, gehören aber ganz ihren Ämtern und freuen sich schon darauf, im Gästezimmer allein zu sein. So lange wie möglich müssen sie sich in einer Stellung halten, um einer Sache, einer Partei, einer Firma, einem Land, einer Armee, einer Fußballmannschaft und der Familie zu dienen. Das ist die Rolle des Mannes. Kein Wunder, dass er sich dreimal so oft selbst umbringt wie die Frau. In der Pubertät sind die Zahlen gar acht- bis zehnmal so hoch. Erleben diese Jungen und Männer dabei einen heroischen Moment à la Nelson, oder sind sie nur den Ekel vor einer Welt los, die sich ihrer von Geburt an bemächtigt hat?

Der große und grundlegende Irrtum unserer feministischen Zeit ist die Fantasie von der Freiheit eines klassisch maskulinen Lebensentwurfes, wie sie Simone de Beauvoir so aufwendig konstruiert hat. Sie folgte dabei den großen misogynen Autoren der Aufklärung. Es klingt böse, wenn man darauf hinweist, dass es sich nicht nur um das Verlangen nach Freiheit handelte, das hier den Stift führte, sondern auch um den Wunsch nach Teilhabe am Ruhm. Gegen diesen Wunsch ist aber nicht das Geringste einzuwenden. Man sollte nur nicht voraussetzen, dass Ruhm glücklich oder frei mache.

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