Der Mann, die heimatlose Figur

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Männer : Das entehrte Geschlecht
Ralf Bönt

Heute kommt der werdende Vater zur Geburt seiner Kinder mit, aber sonst hat sich zwischen Biertrinken und Fußballgucken, diesen beiden effizientesten Zeitvernichtern, zu wenig verändert. Zeitvernichter werden von Menschen benötigt, die überflüssig sind. Offenbar ist der Mann am Wochenende und am Abend überflüssig. Am Tag macht er dafür weiter seine ihm zugewiesene Arbeit und tut so, als habe er keine Bedürfnisse, keine Wünsche und keine Beschränkungen. Seinen Körper, da sind sich nicht nur Mediziner einig, benutzt er wie sein Auto, seinen Rasierer oder eine Flachzange. Das hat fürchterliche Konsequenzen, nicht nur im Bett. Zum Arzt geht der Mann nicht. Wenn er krank ist, arbeitet er so lange wie möglich weiter, und gerne auch darüber hinaus. Damit zeigt er seine Leistungsfähigkeit besonders gut. Zur Vorsorge geht er schon gar nicht. Er wird schon nichts haben, denkt er, was so schlimm ist, dass er sich deswegen untersuchen und helfen lassen muss. So stirbt er früher als die Frau.

Schon in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts stellte der Demograf Marc Luy fest, dass in Klöstern kaum eine Differenz der Lebenserwartung für Frauen und Männer zu finden war. Ganz anders ist das im Rest der Bevölkerung: In Deutschland lebten Frauen vor dem Zweiten Weltkrieg zirka drei Jahre länger als ihre Männer, mittlerweile ist diese Zahl auf über sechs in den alten und sogar über sieben Jahre in den neuen Bundesländern angestiegen. In Russland wuchs der Unterschied nach dem Ende der Sowjetunion gar auf 14 Jahre. Das mag am Wodka liegen, am Alkohol. Ich habe in der Nähe Moskaus einmal gesehen, wie ein Dorf an einem schönen warmen Spätsommerabend aussieht: In Hauseingängen und Straßengräben schliefen die Volltrunkenen, auch auf der Straße selbst taten sie das, obwohl man schon als Fußgänger sehr leicht angefahren wird. Kein Mann war in einem nur halbwegs ansprechbaren Zustand. Das erinnerte an die Übertreibungen, die man in feministisch bewegter deutscher Belletristik findet. Dort kann man es wie ein Mantra immer wieder lesen: Der Mann säuft. Der saufende Mann ist Kultur, und gemeint ist: Unkultur. Also müssen wir fragen: Warum säuft der Mann eigentlich? 14 Jahre Differenz in der Lebenserwartung, auch sechs oder sieben Jahre sind schließlich zu viele.

Und die Pointe kommt noch: Wo Lebensgewohnheiten quasi gleich sind, unter Nonnen und Mönchen oder in israelischen Kibbuzim, gibt es diese Differenz nicht. Hier verschwinden die Unterschiede in der Lebenserwartung von Frauen und Männern fast ganz. Biologische oder gar genetische Gründe für das Zurückbleiben der Männer bei der sinkenden Sterblichkeit in Deutschland sieht Luy jedenfalls nicht. Man muss daher fragen: Kann man benachteiligter sein, als am wertvollsten Fortschritt der Menschheit, einer ständig steigenden Lebenserwartung und einer kaum je erträumten Gesundheit durch verbesserte Lebensumstände, nicht voll teilzuhaben? …

„Soweit ich meine Tanten überblicke“, sagte Marie-Luise Scherer in einer bewegenden Rede in der Berliner Akademie der Künste im Sommer 2011, „war jede eine Herrscherin, die ihren Mann mehr ertrug, als dass sie ihn liebte. Und wenn im Alter diese Männer nicht mehr aus der Küche wichen, nur noch im Wege saßen und ein Faktor der Unordnung waren, machten sie sich bald ans Sterben. Ich kannte keinen einzigen Witwer in der Verwandtschaft, nur Witwen, die sich in der Grabpflege überboten.“

Der Mann ist die ausgesetzte, die heimatlose Figur. Sein größter Trost ist das lässige Knacken der sich abkühlenden Auspuffanlage seines Wagens, der vor dem Reihenhaus darauf wartet, ihn wieder wegzubringen. Solange der Mann fährt, wird er von keinem direkt beansprucht. Sobald er anhält und aussteigt, hat er im Dienst der anderen zu stehen und zu funktionieren. Seit Urzeiten weiß er daher von sich selbst abzusehen. Den Impuls des Feminismus hat er aus dieser Gewohnheit heraus nicht genutzt, um auf die strukturelle, systematische Gewalt, die gegen ihn verübt wird, zu sprechen zu kommen. Lieber behandelt er sie wie eine Ehrung, als gelte es noch das Kolosseum in Rom zu betreten. Dort münzte er, wenn er am Ende des Tages noch am Leben war, den Furor der überstandenen Gefahr in erotische Anziehungskraft und sozialen Mehrwert um.