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Medien und Skandale : Bis zum Platzen aufgeblasen

Zum Skandal wird ein Missstand durch die Perspektive, aus der man ihn betrachtet. Die Missstände selbst sind oft nicht neu, meist beweisbar und sachlich fast immer unstrittig. Das trifft auf die skandalträchtige Perspektive nicht zu. Sie ist neu, aufgrund ihres normativen Charakters nicht beweisbar, im Unterschied zum Missstand aber wirkmächtig. Missstände sind eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für Skandale. Die Medien machen Missstände zu Skandalen, indem sie sie als Folge schuldhaften Verhaltens darstellen: Die Akteure waren in ihrer Entscheidung frei und hätten, wenn sie denn gewollt hätten, auch anders handeln können; sie haben aus niederen Motiven gehandelt und waren sich der negativen Folgen ihres Handelns bewusst. Sie haben nicht nur einen Fehler gemacht, sondern sich aus Eigennutz bewusst über Regeln hinweggesetzt. Die tatsächlich oder vermeintlich egoistischen Motive verleihen dem Sachverhalt eine moralische Ladung: Die Angeprangerten sind nicht nur im kausalen Sinn die Verursacher eines Missstandes, sondern haben im moralischen Sinn Schuld daran. Deshalb müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden. Ihre Schuld erfordert Sühne, schmerzhafte persönliche Konsequenzen - Rücktritte von Politikern, Entlassung von Funktionären, Amtsaufgabe von Unternehmern.

Das jüngste Beispiel ist die Skandalisierung von Christian Wulff. Sowohl die Beziehung zum Ehepaar Geerkens als auch seine Vorzugsbehandlung durch Air Berlin waren bekannt und schon vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten ein Thema im Niedersächsischen Landtag. Zum Skandal wurden sie erst als die Bild-Zeitung und der Spiegel eine enge Beziehung zu seinem Hauskredit hergestellt und Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine schlüssige Verbindung zwischen Geld, Charakter und Amt aufgezeigt hatte: „Kreditfragen … sind moralische Fragen. Es geht um Glauben und Vertrauen. Damit sind sie das Äquivalent zum höchsten Staatsamt. Es geht um moralischen Kredit.“ Dieses Schema hat die folgende Berichterstattung geprägt. Es betraf die Existenz der Kontakte Wulffs zu angeblich fragwürdigen Personen (Geerkens, Maschmeyer, Glaeseker usw.), erstreckte sich auf angeblich fragwürdige Vergünstigungen (Hauskredit, Flugreisen, Hotelaufenthalte usw.) und endete bei exotischen Vorwürfen (Leihkleidung, Ernst Jünger-Zitat usw.). Viele dieser Vorwürfe wurden nicht weiter verfolgt und spielten letztlich keine Rolle mehr. Jeder dieser Vorwürfe aber hat zur Skandalisierung von Christian Wulff beigetragen. Sie bestätigten das am Anfang etablierte Bild von seinem Charakter und ließen ihn im Amt untragbar erscheinen. Als einige Zeit später bekannt wurde, dass einiges davon auch auf Klaus Wowereit zutraf, regte das niemanden auf.

Im Skandal geht es nicht vorrangig um die „Natur der Sache“. Es geht um das etablierte Schema. Die entsprechend interpretierten Missstände sind nur Mittel zu seiner Bestätigung und Abrundung. Aus diesem Grund erscheinen die meisten Vorwürfe, über die man sich während eines Skandals empört hat, im Rückblick banal: Wenn das skandalträchtige Schema verblasst ist, verlieren die Belege ihre Brisanz.

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