Neue Dimension des Internets : Ein Appell gegen digitale Sprachassistenten

Mehr als zwölf Millionen digitale Sprachassistenten werden in diesem Jahr zu Weihnachten weltweit verschenkt. Das ist keine gute Nachricht. Eine Kolumne.

Wenn die vier bunten LED aufleuchten, ist Google Home für Sprachkommandos bereit.
Wenn die vier bunten LED aufleuchten, ist Google Home für Sprachkommandos bereit.Foto: Franziska Gabbert/ dpa

Mehr als zwölf Millionen digitale Sprachassistenten werden in diesem Jahr zu Weihnachten weltweit verschenkt. Man stellt sich die smarten Lautsprecher in die Küche oder ins Bad, verbindet sie mit dem W-Lan und kommandiert: „Alexa, spiel Weihnachtslieder“, „Google, schreib Nutella auf die Einkaufsliste“ oder „Alexa, Licht an“. Der Assistent sucht dann Lieder, führt den Shoppingzettel und steuert die Beleuchtung im Haus. In Deutschland werden an Heiligabend vermutlich mehr als eine Million Menschen diese neue Dimension des Internets kennenlernen: Sie werden befehlen und zuhören, kaum mehr schreiben und lesen müssen. Das ist keine gute Nachricht.

Die Sprachsteuerung bringt nicht nur jede Menge Smartheit, sondern auch Probleme mit sich: Die Lautsprecher werden eine neue Generation funktionaler Analphabeten hervorbringen. Um ein Kochrezept oder die Gebrauchsanweisung für die Kaffeemaschine zu verstehen, einen Fahrplan zu entschlüsseln oder eine Bestellung aufzugeben, reicht jetzt allein die Stimme.

Das demokratische Grundrauschen wird leiser

Auch die politische Sozialisierung der Staatsbürger geschieht dann nicht mehr nebenbei. Fernseh- oder Radionachrichten und Kommentare sucht man tagsüber nicht aktiv. Sie begegnen einem, solange man auf die Musik, oder im Auto auf die Staumeldungen wartet. Diesen Zufall bringen die Sprachassistenten zum Verschwinden. Statt die doofen Frühkommentare im Küchenradio über sich ergehen zu lassen, kann man sofort die Hits der siebziger, achtziger und neunziger Jahre anhören. Nur noch das ausdrücklich Verlangte kommt auf den Tisch – und zwar in der Version, die der Sprachassistent für die richtige hält. Das ist meist der Sender, dem der Dienstanbieter – im Moment Amazon oder Google, im kommenden Jahr auch Apple und die Telekom – nahesteht.

Das demokratische Grundrauschen wird in der digitalen Gesellschaft leiser. Der mündige Bürger ist auf dem Rückzug. Beleidigt vertieft er sich in seine Zeitung und ärgert sich. Der bequeme Bürger aber stemmt sich aus dem Sessel und schreit fröhlich: „Ok, Google: Licht aus!“

Korrekturhinweis: In einer früheren Version des Textes stand die Anrede "Echo, Licht an". Der Sprachassistent selbst heißt zwar Echo, wird jedoch mit "Alexa" angesprochen. Wir haben den Fehler korrigiert.

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