Meinung : „Röschen zieht bei mir ein“

Klaus Wallbaum

Kaum jemand spricht so offen über seine Krankheit, über das eigene Sterben, das ihm keine Angst bereitet, und über ein Leben nach dem Tode, das er ganz sicher erwartet. Ernst Albrecht, der frühere niedersächsische Ministerpräsident, hat jetzt in einem „Stern“-Interview auch von den Problemen seines Alterns gesprochen, von seiner Vergesslichkeit, von der Einsamkeit im großen Anwesen in Burgdorf-Beinhorn, einem Dorf nahe Hannover. Dort lebt er allein, seit vor fünf Jahren seine Frau Heidi Adele verstarb. Im Sommer soll „Leben in die Bude“, sagt seine Tochter. Sie zieht mit Mann und sieben Kindern zu ihm – und baut damit ganz praktisch ein privates „Mehrgenerationenhaus“ auf.

Albrechts Tochter ist eine berühmte Frau. Auch in der Politik, wie der Vater. Auch in der CDU, wie der Vater. Sie heißt Ursula von der Leyen, ist Bundesfamilienministerin und gilt allgemein als höchst begabte Politikerin. Das hat sie wohl vom Vater gelernt, der sie liebevoll „Röschen“ nennt.

Als Ernst Albrecht 1976 im Landtag von Hannover zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, war das bundesweit eine Sensation. Einige Überläufer aus der SPD/FDP-Koalition müssen ihm die Stimme gegeben haben. Albrecht baute in Niedersachsen ein Bündnis mit der FDP auf, wurde zum liberalen Aushängeschild der Union. Im Bundesrat billigte er die Polenverträge, holte Vietnamflüchtlinge ins Land und förderte den Aufbau erneuerbarer Energien. Als Albrecht 1990 abgewählt wurde, geschah das auch deshalb, weil seine CDU sich dem von Rot-Grün geforderten Ausbau der Kinderbetreuung verweigerte.

Ironie der Geschichte: Seine Tochter treibt heute die Politik voran, die er damals nicht wollte. Beide werden demnächst wohl häufiger darüber reden, denn sie rücken näher aneinander. Von der Leyen wohnt derzeit noch in Ilten, 20 Kilometer von ihrem Vater entfernt. Der Umzug nach Burgdorf-Beinhorn geschieht für sie zum zweiten Mal: Vor 31 Jahren war die Familie Albrecht von Ilten nach Beinhorn gezogen. Die Tochter tut es nun erneut.

Unterdessen tritt Ernst Albrecht, der im Juni 77 wird, Schritt für Schritt aus der Öffentlichkeit zurück. Man sieht ihn dieser Tage noch auf Empfängen, etwa zum Geburtstag von Hans-Dietrich Genscher. Seine früheren Minister besucht er hin und wieder. Von der Aufbauarbeit für ein Stahlwerk in Sachsen-Anhalt und der Beratertätigkeit für die kirgisische Regierung hat er jedoch Abstand genommen. Menschen, die ihn kennen, beschreiben seine Veränderung: Das Langzeitgedächtnis funktioniert gut, von seinen beruflichen Anfängen bei der EG in Brüssel in den 50er und 60er Jahren weiß er Interessantes zu berichten. Bei späteren Ereignissen funktioniert das schlechter.

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