Chemiker, Künstler und Informatiker bringen frischen Wind.

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Start-up-Boom in Berlin : Von der Copycat-Kapitale zur europäischen Innovationsmaschine
Fabian Heilemann

Ihr Erfolgsgeheimnis liegt im Gründerteam: Die Gründerszene wird zunehmend heterogen. Sie wird nicht mehr nur von Betriebswirtschaftlern geprägt. Neben sie treten in letzter Zeit immer öfter Kreative, Informatiker und Naturwissenschaftler verschiedener Disziplinen. Genau so ist es im Silicon Valley, der Wiege des Internets, schon seit jeher üblich. Und es wirkt fast schon paradox: Je mehr sich die deutsche Internetszene der amerikanischen strukturell annähert, desto mehr emanzipiert sie sich inhaltlich von ihr. Chemiker, Künstler und Informatiker bringen frischen Wind in die Berliner Gründerszene. Meist kommen wirklich innovative Geschäftsideen und auch die entscheidenden Innovations-Impulse von diesen „jungen Wilden“ und nicht selten sind sie in der Lage, gute Ideen auch technologisch umzusetzen.

Das aktuell prominenteste Beispiel für diesen Trend ist die Meinungsplattform Amen. Amen funktioniert ähnlich wie Twitter: Nutzer treffen Aussagen über teilweise recht banale Dinge wie Personen, Orte oder eben das Wetter, die andere Nutzer mit einem „Amen“ gutheißen können. So sollen Netzwerke mit Gleichgesinnten geknüpft werden. Die Idee klingt simpel, aber sie hat Potenzial und ist der heimliche „Darling“ von nationalen und internationalen Kapitalgebern: Zu den Gesellschaftern zählen Hollywood-Star Ashton Kutcher und mit Index Ventures auch einer der größten institutionellen Risikokapitalfonds Europas. In einer ersten Finanzierungsrunde flossen im Sommer 2011 mehrere Millionen Euro in das Start-up, bevor dieses überhaupt richtig startete. Mit Felix Petersen, Florian Weber und Ricki Vester haben gleich drei der vier Gründer Informatik studiert.

Abseits von Amen gibt es zahlreiche weitere Beispiele: Sebastian Fallert hat Physik in Cambridge studiert und trägt nun als Technologieexperte wesentlich zum Erfolg der Hotelbuchungs-App JustBook.com bei. Die SoundCloud-Gründer Alexander Ljung und Eric Wahlforss haben in Stockholm das Royal Institute of Technology absolviert. Und Jens Begemann, Gründer und Geschäftsführer von Wooga, ist Absolvent der Beuth Hochschule für Technik in Berlin. Wooga erreicht mit Social-Games wie „Brain Buddies“ oder „Happy Hospital“ monatlich mehr als 38 Millionen Gamer und ist damit weltweit der zweiterfolgreichste Anbieter von Social-Games.

Diese Erfolgsstorys öffnen Türen für Gründer, die nicht kopieren, sondern ein weltweit einzigartiges Geschäftsmodell verwirklichen möchten. Begemann, Fallert, Ljung und Co dienen hierbei als personifiziertes „proof of concept“. Sie sind Pioniere und Wegbereiter einer neuen, innovativen Berliner Gründerszene. Der oft beschworene deutsche Erfindergeist erlebt dank ihnen seine Renaissance im digitalen Gewand.

Vor diesem Hintergrund wirkt die Debatte um die fehlende Innovationskraft der deutschen Internetbranche staubig und von Tag zu Tag mehr wie ein Anachronismus aus einer Zeit, in der Portale wie der deutsche Facebook-Klon StudiVZ noch das Aushängeschild einer sich – nach dem Crash der 2000er-Blase – langsam wieder aufrappelnden Gründerszene waren. Es wird Zeit, endlich umzudenken und die Augen zu öffnen für jenen neuen Innovationsgeist, den Kritiker gerne einmal verleugnen.

Der Autor Fabian Heilemann hat gemeinsam mit seinem Bruder Ferry Heilemann 2009 die Gutschein-Plattform DailyDeal gegründet und im Herbst 2011 an Google veräußert. Fabian Heilemann ist Jurist, sein Bruder Ferry hat BWL studiert. Beide sind heute weiterhin in leitender Position bei DailyDeal tätig und investieren privat in junge Gründer und Start-ups mit Fokus auf innovative Geschäftsmodelle, unter anderem in JustBook.

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