Meinung : Vergessen Sie Französinnen und Finninnen!

Pascale Hugues, Le Point

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Seit zwei Wochen verfolge ich entgeistert die surrealistische Debatte, die in Deutschland tobt, seit Ursula von der Leyen angekündigt hat, dass sie zusätzliche Krippenplätze für Kinder unter drei Jahren schaffen will. Glücklicherweise weiß jeder in diesem Land, wie das ideale Modell aussehen könnte und sollte, und erklärt es – gern auch ungefragt und zu jeder Zeit.

Da ist zum einen die Idealmutter: blond, sanft, liebevoll; jeder Moment, ob Tag oder Nacht, gehört ihren Kindern. Und wenn man sie so betrachtet, möchte man am liebsten wieder ganz klein werden, sich auf ihren Schoß kuscheln und das Elend der Welt einfach vergessen.

Dann ist da die ideale Geschäftsfrau. Als emanzipierte Frau steht sie auf ihren hohen Absätzen, sie jongliert mit Akten und Terminen. Sie fürchtet sich vor nichts, sie bestürmt die feindlichen Bastionen der Männer. Ohne jemals an ihrer perfekt organisierten Lebensweise zu zweifeln, hat sie die Verwaltung ihrer Kinder an ihre Heerscharen von Kinderfrauen delegiert.

Es gibt die ideale Kombifrau: Mit dem Baby auf dem Arm klimpert sie mit einer Hand auf dem Computer, während sie mit der anderen das Gulasch fürs Abendessen umrührt. Diese Superfrau kann zehn Dinge gleichzeitig erledigen. Aber vor allem kann sie einem Minderwertigkeitskomplexe einjagen.

Ein weiteres Modell ist die ideale Finnin, die ihr Büro Schlag fünf verlässt, begleitet von den wohlwollenden Blicken ihrer Kollegen, um ihre Kinder abzuholen, die sich in ihrer Idealschule im Pisa-Paradies entfalten können.

Und dann die ideale Frau aus Papua-Neuguinea: Im Gegensatz zu „uns Degenerierten“ – so die deutschen Ökofrauen – hat sie ihre Basisinstinkte nicht verloren. Sie geht mit ihrem am Körper vertäuten Baby spazieren. Sie braucht keine Ratgeber, um ihren Kindern Urvertrauen zu vermitteln.

Und, mein Gott, fast hätte ich eine vergessen! Ah! Ah! Es gibt die ideale Französin. Morgens bringt sie ihre 2,07 Kinder in die Krippe und holt sie am Abend ohne einen Anflug von schlechtem Gewissen wieder ab. In der Zwischenzeit geht sie erfolgreich ihrem Beruf nach. Und sie ist schön und sexy wie unsere Ségolène Royal.

Es gibt die Idealfamilie. Die Sehnsucht der Deutschen konzentriert sich auf zwei Modelle:

1. Die Kleinfamilie: Papa sportlich, Mama hübsch, Sohn mit Brille, Tochter mit Zahnlücke, großer Hund. 2. Die solidarische Großfamilie mit Onkeln, Tanten, Großmutter und zahlreichen Brüdern und Schwestern, die füreinander da sind.

Es gibt den idealen Vater. – Das ist aber wirklich seltsam: In Deutschland spricht man nur über die Mütter. In seltenen Fällen darf der Vater mal eine Windel wechseln, aber sonst tritt er eigentlich nicht in Erscheinung.

Es gibt die ideale Zahl: 3. Bis zum dritten Lebensjahr einschließlich sind die Kleinen ausschließlich auf ihre Mütter angewiesen. Und danach? In der Pubertät?

Es gibt das ideale Au-Pair-Mädchen: Osteuropäerin, tüchtig und willig. Die Kinder lieben sie.

Es gibt die ideale Erziehungsmethode: Nach der Doktrin der antiautoritären Erziehung ist „Disziplin“ das neue Zauberwort.

Jeder hat seine eigene unanfechtbare Wahrheit, seine mit großer Gewissheit vorgetragene Ansicht. Der Ton ist rigide wie die Moral und oft aggressiv. Wo sind denn die entspannten und selbstbewussten Deutschen geblieben, die, wie überall verkündet wurde, im Sommer der Fußball-WM entsprossen sind? Hat schon wieder die Stunde der Besserwisser geschlagen, die vom Aufbau der idealen Welt in ihrem eigenen Kopf so gefangen genommen sind, dass sie vergessen, sich zu vermehren? Kein Wunder, dass man in einem solchen Klima keine Kinder mehr in die Welt setzen mag! Hören Sie auf, Standards zu verlangen, die ebenso hoch und unüberwindlich sind wie Gefängnismauern. Vergessen Sie die Mutter und die Geschäftsfrau, vergessen Sie Pisa und Disziplin, Französinnen und Finninnen. Vergessen Sie, was die Bischöfe, die Soziologen und alle, die predigen, nach deren Meinung niemand gefragt hat, gesagt haben. Hören Sie mit dem Grübeln auf.

Ja, entspannen Sie sich und sagen Sie sich, dass nichts vollkommen ist und dass das Leben – und die Mutterschaft! – aus vielen kleinen, mehr oder weniger gelungenen Kompromissen mit der Realität besteht. Denken Sie an gar nichts mehr. Schlüpfen Sie zu zweit zwischen Ihre seidenen Bettlaken, sobald die Nacht hereinbricht. Und Sie werden sehen: Vom nächsten Morgen an wird die Geburtenrate sich wieder munter nach oben bewegen.

Aus dem Französischen übersetzt von Elisabeth Thielicke.