Meinung : „Vielleicht erleben wir Bushs Amtsenthebung“

Christoph Marschall

Der kleine Mann wählt große Worte. „Der Präsident sagt, er brauche keine Rücksicht zu nehmen. Er müsse sich nicht mehr verantworten.“ Gemeint ist: vor Amerikas Wählern. Das stimmt, George W. Bush tritt im Januar 2009 nach zwei Amtszeiten unwiderruflich ab. Doch dann dreht Chuck Hagel, der schmächtige republikanische Senator aus Nebraska, die nüchterne Feststelltung zum Reizwort „impeachment“. Bush könne man nicht zur Verantwortung ziehen? „Das ist nicht ganz wahr. Man kann ein Amtsenthebungsverfahren einleiten. Vielleicht sehen wir solche Forderungen, ehe dies vorbei ist.“

Ein Republikaner aus dem mittleren Westen räsoniert öffentlich über ein Impeachment gegen den Präsidenten? Das ist starker Tobak. Aber es kommt rechtzeitig vor der großen Pressekonferenz, die Chuck Hagel für Montag anberaumt hat. Seine Mitarbeiter machen ein großes Geheimnis daraus, was der 60-Jährige verkünden wird. Die Kandidatur für die Präsidentenwahl 2008? Den Rückzug aus der Politik? Den nächsten Angriff auf Bushs Irakpolitik?

Hagel ist ein Rebell. In seinem Senatorenbüro hängt ein Plakat von Zorro, dem Rächer aller Enterbten. In der Republikanischen Partei ist er ein Außenseiter, ein Querdenker. Er vertritt einen Agrarstaat mit nur 1,7 Millionen Einwohnern in den Great Plains, der tiefrepublikanisch ist – was auch heißt: Man legt Wert auf Distanz zum Politestablishment in Washington, das der eigenen Partei inklusive. Um seine Wiederwahl 2008 muss sich Hagel nicht sorgen. Er ist ein typischer Sohn der Region, Kind deutscher und polnischer Einwanderer. Er diente in Vietnam, lebte einige Jahre als Lobbyist der Gummi- und Reifenindustrie in Washington, schloss sich Ronald Reagans Präsidentschaftskampagne an und wurde nach dessen Wahlsieg Vizechef der Behörde für Veteranen. Wegen Streits mit seinem Boss kündigte er nach zwei Jahren, ging zurück nach Nebraska und gründete mit Partnern eine Firma für Mobiltelefone. Die machte ihn zum Multimillionär.

1996 gewann er als Außenseiter die Senatorenwahl gegen Nebraskas Ex-Gouverneur. Der Ruf geistiger und finanzieller Unabhängigkeit kam ihm zugute. Jüngst erregte er Aufsehen, als er mit den Demokraten Front gegen Bushs Truppenverstärkung im Irak machte. Auch da ist er Rebell. Seine Präsidentschaftsambitionen haben geringe Chancen. Wie Zorro reitet Hagel in der Regel alleine.

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