Vor dem EU-Gipfel : Stell dir vor, wir leben in Europa, und keiner will’s wissen

Das Vergangene vergeht nicht. In der EU ist das spürbar, etwa zwischen Italien und Deutschland. Deutschland muss das endlich verstehen. Ein Kommentar.

Partnerschaft mit Machtgefälle: Angela Merkel und Italiens Premier Giuseppe Conte
Partnerschaft mit Machtgefälle: Angela Merkel und Italiens Premier Giuseppe ConteFoto: Tiziana Fabi/AFP

Don’t mention the war – kein Wort über den Krieg. Irgendwie konnte sich der Satz aus „The Germans“, einer von John Cleese mitgeschriebenen Sitcom der 1970er, als Benimmregel durchsetzen. Zum Glück von uns Deutschen. Wer heute noch an zwei Weltkriege erinnert, von denen mindestens einer allein von Deutschland ausging, erweist sich als ewiggestrig, unangenehm unelegant, nicht ganz gesellschaftsfähig. Das mussten die Griechen in jener Finanzkrise lernen, deren Sparauflagen sie fast ruinierten, das hört Polen und immer wieder Italien. Was Deutschland nicht wahrnehmen will: Auf der Täterseite ist es leicht, nonchalant zu sein. Die Ewiggestrigen sind, Überraschung, die früheren Opfer.

Ein Krieg ohne Waffen

Diese Woche wird es richtig schwierig, kein Wort über den Krieg zu verlieren. Morgen streitet ein EU-Gipfel erneut darüber, ob die Kosten der Coronakrise, die alle trifft, auch von allen gemeinsam geschultert werden. Zwei Tage später begeht Italien zum 75. Mal den Tag der Befreiung. Der 25. April ist Italiens 8. Mai. Das Land gedenkt seines Aufstands gegen den hausgemachten und den deutschen Faschismus. Der deutsche kostete Italien in nur 20 Monaten Besatzung von September 1943 bis Mai 1945 das Leben von 15000 bis 20 000 Menschen. Jetzt hat ein Virus, für das sich so schnell kein Schuldiger dingfest machen lässt, noch mehr Menschen in viel kürzerer Zeit getötet. Was, wenn ausgerechnet die Schuldigen von einst ausgerechnet in dieser Woche weiter europäische Solidarität verweigern? An die Niederlande als Treiberin des Nein glaubt in Italien niemand. Berlin ist mächtiger. Und begreift seit Jahren nicht, dass hinter der Benimmregel, es mal gut sein zu lassen mit WK II, Verbitterung und Wut nur schweigen, nicht verschwinden. Erst recht nicht, wenn Deutschlands Dominanz und Handeln in Europa immer wieder auf alte Wunden drückt.

Oder ist es doch nicht nur Begriffsstutzigkeit? „Ihr bereitet den Dritten Weltkrieg vor, nur braucht ihr diesmal keine Waffen“ – wie oft habe ich das in Italien gehört, mal mehr, mal weniger drastisch, von Rechten wie Linken, auch von Menschen mit mehr als einer Muttersprache und europäischen Lebensläufen. Eine Verschwörungstheorie, klar. Aber was heute antworten? Jetzt, da eine Kanzlerin, die immer wieder Krisen für politische Kehrtwenden nutzte – Fukushima zum Beispiel zum Atomausstieg – die Wende verweigert?

"Deutschland ist keine Nation, sondern eine Sekte"

Dabei war keine Situation ihrer Kanzlerschaft so perfekt dafür: Merkel selbst am Ende der Karriere, mit höchsten Zustimmungswerten, dazu die aktuelle Lähmung der Angstgegnerin AfD, die gerade Gelände verliert und sich intern beharkt. Einmütig wie nie raten Deutschlands prominenteste Ökonominnen und Ökonomen zu europäischen Bonds. Warum also kein Umdenken? Weil, wie es Bernd Ulrich, der Vize-Chefredakteur der „Zeit“, kürzlich ausdrückte, Deutschland eben keine Nation sei, sondern eine Sekte, deren Religion Sparen heißt und deren Mission die Bekehrung des liederlichen Südens ist?

Schlimm genug wär’s, die rational abwägende Kanzlerin auf den letzten Metern als Sektenchefin zu entdecken, mehr von Glaubensreinheit besessen als von politischer Analyse geleitet. Immer noch besser aber, als an einen deutschen Krieg – nein, kein Wort darüber! – zu glauben. Wirklich schlimm ist, dass in beiden Fällen Europa als Trümmerfeld zurückbleibt, politisch und wirtschaftlich. Wenn nicht noch wer das Ruder herumreißt.