Obama könnte im Herbst das Geld ausgehen

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Wahlkampf in den USA : Der neue Obama

2012 wird Romney im „Money Race“ die Nase weit vorn haben. Obama gibt dennoch jetzt schon, vor Beginn der heißen Wahlkampfphase, mehr Geld aus, als er einnimmt. Er wettet darauf, dass er Romney durch seine Attacken definieren und in ein ideologisches Korsett zwingen kann, aus dem der sich nicht mehr zu befreien vermag – selbst wenn Romney im Herbst Woche für Woche doppelt so viel Geld für Wahlwerbespots in Fernsehen und Radio ausgeben kann. Wenn das Kalkül aufgeht, ist Obama ein Held. Wenn ihm im Herbst dagegen das Geld fehlt, um Romneys Angriffen zu begegnen, wird er wie ein Hasardeur dastehen, der gewagt und verloren hat.

Der Kampf um die Definitionsmacht über die entscheidenden Wahlkampfthemen hält an. Bisher sieht es danach aus, als habe Obama entscheidende Etappensiege errungen. Drei Beispiele:

Die Republikaner wollten die Wahl ursprünglich zu einem Referendum über die Bilanz des Präsidenten machen. Obama strebte dagegen eine Richtungswahl zwischen zwei unterschiedlichen Gesellschaftsmodellen an: Steuern runter – ja oder nein? Sozialausgaben kürzen – ja oder nein? Mehr oder weniger Staat? Inzwischen behaupten republikanische Strategen, auch sie hätten schon immer eine Richtungswahl angestrebt.

Bilder: Der lange Weg zu Obamas Gesundheitsreform

Der lange Weg von Obamas Gesundheitsreform
Der Streit um das Gesetz zur Gesundheitsreform hat die erste Amtszeit von US-Präsident Barack Obama geprägt. Über Jahre zog sich der Streit um die Gesundheitsreform hin. Hier eine Chronologie der Ereignisse:Weitere Bilder anzeigen
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28.06.2012 20:59Der Streit um das Gesetz zur Gesundheitsreform hat die erste Amtszeit von US-Präsident Barack Obama geprägt. Über Jahre zog sich...

Zweitens ist die Abstimmung über den Präsidenten eine Persönlichkeitswahl. Obama, der dunkelhäutige Typ mit dem komischen Namen aus Hawaii, ist zwar bis heute vielen Amerikanern kulturell ein bisschen fremd und jedenfalls kein Vertreter von „Main Street America“ im Weißen Haus. Aber er hat deutlich höhere Sympathiewerte als Romney. Der gilt als hölzern und abgehoben – und das sprichwörtliche Bier kann man mit einem Alkohol-abstinenten Mormonen ohnehin nicht trinken. Im Frühjahr sagten Republikaner noch, wenn die Amerikaner mehr über Romneys Leben erfahren, würden sie lernen, ihn zu mögen. Obama hat diese Hoffnung mit seinen frühen Charakterattacken zunichte gemacht. Heute sagen konservative Strategen, es sei nicht entscheidend, den Sympathiewettbewerb zu gewinnen. Es genüge, wenn Romney als der bessere Wirtschaftsexperte gelte.

Drittens ist „Message Discipline“ entscheidend. Romney will sich auf ein Wahlkampfthema beschränken: die Wirtschaft. Doch seine heterogene Partei funkt ihm dazwischen und sucht immer wieder die Auseinandersetzung mit den Demokraten um Wertefragen wie Abtreibung, Homo-Ehe, Religion im öffentlichen Raum und Waffenrechte. In einzelnen Wahlkreisen mag das wichtig sein, weil parallel zum Präsidenten auch alle 435 Abgeordneten und ein Drittel der Senatoren gewählt werden. Für Romney jedoch sind solche Debatten eine schädliche Ablenkung, die ihn womöglich den Sieg kostet. Im Fokus steht dabei die größte Wählergruppe überhaupt: Frauen. Männer wählen überwiegend die Republikaner, Frauen die Demokraten – in der Regel mit je sechs bis acht Prozentpunkten Vorsprung. In jüngeren Umfragen hat Obama rund 14 Prozentpunkte Vorsprung unter Frauen, nachdem Republikaner eine krasse Verschärfung des Abtreibungsrechts gefordert hatten. Frauen mögen es nirgends auf der Welt, wenn alte weißhaarige Männer ihnen Vorschriften zum Umgang mit Körper und Sexualleben machen.

Die Wahl 2012 dreht sich nicht um die Frage, wen die Amerikaner künftig im Weißen Haus sehen möchten. Sie wollen Obama nicht mehr, wegen der Wirtschaft. Das ist klar. Sie wollen aber auch Romney nicht, denn er könnte das größere Übel sein. Diese Entwicklung ist ein Erfolg Obamas, erkämpft mit hässlichen Methoden. Er tritt 2012 ganz anders auf als 2008. Deshalb kann er eine anfangs aussichtslose Wahl noch gewinnen.