Weimar liegt um die Ecke : Wir dürfen uns nicht an Hass und Gewalt gewöhnen

Die Nationalsozialisten übernahmen 1933 die Herrschaft in Deutschland. Damals wie heute wird der Hass auf vermeintlich Andere wieder sagbar. Ein Kommentar.

Politischer Mord: Kassels Regierungspräsident, der CDU-Politiker Walter Lübcke, wurde im Sommer 2019 von einem Rechtsterroristen getötet. Er hatte die Aufnahme Geflüchteter verteidigt.
Politischer Mord: Kassels Regierungspräsident, der CDU-Politiker Walter Lübcke, wurde im Sommer 2019 von einem Rechtsterroristen...Foto: Swen Pförtner/dpa

Der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz im Januar wurde pompös begangen und rasch vergessen. Die Nachrichten von rechts sind seither so dröhnend laut geworden, dass sie die wenigen Gelegenheiten zur Mahnung erdrücken. Nur eine Woche nach dem Gedenktag wurde in Thüringen ein Ministerpräsident von der AfD gewählt, anderthalb Wochen darauf eine - die wievielte? - rechtsterroristische Zelle ausgehoben. Neun Tage später Hanau: Ein Rassist ermordet neun Menschen, weil sie „Rassen und Kulturen“ angehören, die er „vernichtet“ sehen will.

Der NSU mordete heimlich, das ist vorbei

Mir gab der Holocaust-Gedenktag dieses Jahr Anlass zum Nachspüren. Viel nachgeschlagen, endlich alle neun Stunden von Lanzmanns „Shoah“ gesehen und endlich damit begonnen, eine umfassende Geschichte der NS-Konzentrationslager zu lesen. Nikolaus Wachsmanns Riesenwerk „KL“, vor fünf Jahren erschienen, während der großen Flucht nach Europa, lässt sich heute nicht mehr wie ein Geschichtsbuch lesen, sondern als eins, das viel zu viel mit unserer Gegenwart zu tun hat.

Hass und Gewalt begründeten bereits 1933 jenes System, an dessen Ende die industrielle Ermordung der europäischen Juden stand. Zu Beginn der maßlose Hass auf politische Gegner, die gejagt – ein Wort, das wieder ins politische Wörterbuch gerutscht ist – und schon in den ersten Lagern mit einer Gewalt gefoltert, geschunden, umgebracht wurden, die die NS-Schlägertrupps in den letzten Jahren der Republik im Straßenkampf gelernt hatten. Und heute? Der Hass fließt inzwischen aus viel mehr Kanälen als damals, erneut die Parlamente eingeschlossen, und die friedliche Bundesrepublik beginnt, sich an ein bisher unvorstellbares Niveau politischer Gewalt zu gewöhnen: Die Toten in den Hanauer Shisha-Bars, die beiden Opfer Stephan B.s in Halle nach dessen knapp gescheitertem Angriff auf die Synagoge, der Mord an Kassels Regierungspräsident Lübcke. Der NSU war noch heimlich unterwegs, die Nachfolger sehen die Zeit fürs sichtbare Morden wohl gekommen.

Die Sehnsucht nach Reinheit erzeugt Gewalt

NS-Vergleiche gelten, oft zu Recht, als tabu, weil sie die Einmaligkeit der Nazi-Terrorherrschaft relativieren können. Doch die hatte eine Vorgeschichte, die es lohnt anzuschauen, wenn sich Geschichte nicht wiederholen soll. Damals wie heute wird der Hass auf vermeintlich Andere wieder sagbar, sogar von gewählten Abgeordneten. Rassismus aber ist keine Meinung, sondern der Beginn von Terror. Wer „unser Volk“ durch „Umvolkung“ bedroht sieht, muss handeln oder handeln gutheißen . Gegen die als existenziell imaginierte Gefahr sind alle Mittel erlaubt, nicht nur die ungesetzlichen, sondern auch die unmenschlichen. Gerade weil Reinheit ein Fantasieprodukt ist – es gibt sie nur auf isolierten Inseln – wirkt sie aggressiv, denn sie ist ständig mit einer Wirklichkeit konfrontiert, die ihr Hohn spricht. Sind die unpassenden „Rassen und Kulturen“ erledigt, ist alles andere Fremde dran: Kranke, Arme oder einfach nur schräge Persönlichkeiten. Wachsmanns Buch erzählt von Arbeitslosen, die die magere Stütze bettelnd aufzubessern suchten und die das ins KZ brachte.

Thüringen, 5. Februar: Demokratie nur dem Buchstaben nach

Reinheitsfantasie und das Markieren des Fremden bedrohen also potenziell alle. Die Drohung wird jedoch, auch dies eine traurige Parallele zu damals, wo überhaupt ernst genommen, in der viel zitierten Mitte, in Institutionen und auch von uns Medien noch befördert. Nicht Grenzkontrollen helfen gegen Rassismus, wie Friedrich Merz in unfassbarer Ignoranz soeben behauptete, sondern die Eindämmung von Rassismus. Wer in immer neuen rhetorischen Schleifen Migration zur „Mutter aller Probleme“ erklärt, wird irgendwann ernst genommen.

Und, übrigens: Wer von Demokratie redet, wo sie de facto lächerlich gemacht wird, hat nichts gelernt. Thüringens Ministerpräsidentenwahl am 5. Februar verdankt sich nicht nur den Stimmen der AfD, sondern zunächst deren Verfahrenstricks mit einem Pappkameraden-Kandidaten, den sie selbst nicht wählte. Berlin mag nicht Weimar sein, aber Weimar liegt um die Ecke, wo zu wenige Demokraten wissen, dass Demokratie nicht von Buchstaben lebt, sondern vom Geist dahinter.