Weltwirtschaft : Der Untergang des Westens und die neuen Mächte

Ab Mittwoch trifft sich die Weltwirtschaftselite in Davos. Die Industrienationen kommen als Schuldner der Schwellenländer. Wie sich Europa und die USA aus der Abhängigkeit befreien können.

Dambisa Moyo
Die sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China holen zu den westlichen Wirtschaftsmächten auf.
Die sogenannten BRIC-Staaten Brasilien, Russland, Indien und China holen zu den westlichen Wirtschaftsmächten auf.Foto: dpa

So wie der Zweite Weltkrieg einen Wendepunkt markierte und sich das Kräftegleichgewicht zugunsten der USA verschob, so steht die Finanzkrise von 2008 für eine weitere Umwälzung: für die Verlagerung der Wirtschaftsmacht von West nach Ost, genauer gesagt, von den USA nach China.

In den vergangenen 500 Jahren war es der Westen gewesen, der die Welt dominierte und in vielerlei Hinsicht prägte. In Wirtschaft und Handel ist Englisch die Geschäftssprache, in der Politik gilt die westliche Form der Demokratie als größte Errungenschaft des Menschen. Noch im entlegensten Winkel der Welt hört man westliche Musik (von Elvis über Michael Jackson bis Mozart und Bach), schwärmt für westliche Filmstars, fährt Autos mit westlichem Design, treibt westlichen Sport (Fußball, Tennis, Golf), liest westliche Schriftsteller und debattiert über westliche Philosophie und westliches Denken.

Nun befindet sich zum ersten Mal seit einem halben Jahrtausend der Osten wieder im Kommen, insbesondere China und Indien. Vorerst ist die Entwicklung vor allem in der Wirtschaft zu beobachten – doch früher oder später wird sie sich auch auf andere Bereiche erstrecken, daran besteht kein Zweifel.

Der britische Historiker Niall Ferguson beschreibt mit dem Begriff „Chimerika“ die Machtverlagerung vom Monopol der USA zu einem Duopol von China und Amerika. Eine kluge Formulierung, aber, um es mit den Worten Ronald Reagans im Wahlkampf um seine zweite Amtszeit als Präsident zu formulieren: „You ain’t seen nothing yet!“ (etwa: „Ihr ahnt ja nicht, was alles noch kommt.“) Chimerika ist erst der Anfang. Derzeit erlebt China eine zweite Revolution.

Nach der Kulturrevolution Mitte der 1960er Jahre ist jetzt die Wirtschaftsrevolution mit Tausenden von Möglichkeiten an der Reihe. Die wirtschaftliche Macht Chinas wächst täglich, ebenso sein politischer Einfluss, das Gefühl, wer man ist, sein Selbstbewusstsein und seine Fähigkeit, seine Ambitionen zu verwirklichen. Chinas große Stunde wird kommen. Aber heißt das auch, dass es für Amerika bereits zu spät ist? Und geht es hier wirklich nur um Gewinner und Verlierer – ein Nullsummenspiel, bei dem die USA automatisch verlieren, wenn China gewinnt?

Nach der Theorie der Pareto-Optimierung, die auf den italienischen Ingenieur und Ökonom Vilfredo Pareto zurückgeht, muss es nicht so sein; es gibt in der Wirtschaft durchaus Vorgänge, die niemandem schaden und mindestens einem helfen. Global betrachtet kann es also durchaus sein, dass China aufsteigt, ohne dass die USA untergehen. Es könnte sogar sein, dass beide aufsteigen. Das wird aber nur möglich sein, wenn Amerika einen Kurswechsel wagt.

Wenn die USA weiterhin die gleiche fehlgeleitete Politik verfolgen, wird der Niedergang nicht aufzuhalten sein. Wirtschaftsprognosen gehen bereits davon aus, dass die USA als größte Wirtschaftsmacht der Welt bis 2027 von China abgelöst werden – das sind gerade noch 17 Jahre. Die fortgesetzte qualitative und quantitative Unterhöhlung bei den Wachstumsfaktoren Kapital, Arbeitskraft und Technologie hat zu einem langfristigen strukturellen Niedergang der westlichen und vor allem amerikanischen Wirtschaft geführt.

Aber bevor wir uns diesem Thema zuwenden, werfen wir zunächst einen Blick auf die Länder der neuen Weltordnung, die die bisherige Dominanz des Westens infrage stellen.

Ein ehemaliger Banker erzählte mir einmal eine Geschichte über eine Begegnung mit einem ranghohen russischen Verwaltungsbeamten. Nur wenige Monate nach der Russlandkrise 1998 hatte eine große internationale Bank beschlossen, der russischen Regierung einen Kredit in Höhe von hunderten Millionen Dollar zu gewähren. In den Wochen nach der Unterzeichnung des Kreditabkommens bemühte sich der Bankvorstand um ein „Abschlussdinner“ (ein Essen, bei dem der Vertragsabschluss gefeiert wird und der Kreditgeber die Gelegenheit hat, den Kreditnehmer daran zu erinnern, wer das Sagen hat, während der Kreditnehmer – in unserem Fall die Russen  – seine Dankbarkeit zeigt). Nach mehreren Telefongesprächen und einer Flut von E-Mails kapitulierten die Russen schließlich und waren bereit, sich mit den Bankern in Moskau zu treffen. Allerdings warnten sie gleich: „Wir sind die Russische Föderation, wir lassen uns nicht belehren.“

In den vergangenen 50 Jahren verfuhr die westliche Politik im Grunde nach dem Ausschlussverfahren. Die großen internationalen Organisationen, die über Weltsicherheit, Wirtschaft, Handel und Entwicklung bestimmen, werden von den westlichen Industrieländern dominiert, die Schwellen- und Entwicklungsländer sind praktisch nicht vertreten. Als Beispiele sind die G 8, die Direktorien des Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und noch viele mehr zu nennen.

Das ändert sich zwar langsam, doch bisher standen die Organisationen Veränderungen skeptisch gegenüber. Dass Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien ständige Mitglieder der G 8 sind, die Türkei, Saudi-Arabien, Mexiko, Südafrika, Brasilien, Indien oder China aber nicht, ist absurd und kündet von der mangelnden Bereitschaft, sich der neuen Realität der modernen Wirtschaftswelt zu stellen. Die Schwellenländer haben reagiert und zum Nachteil der westlichen Industrieländer ihre eigenen Verbünde gegründet.

Einstweilen deutet alles darauf hin, dass sie ihre Stärke gemeinsam einsetzen und ihre Verbindungen untereinander (im Handel, in der Finanzwelt und Politik) weiter ausbauen werden. Mit jedem Jahr mehren sich die Partnerschaften bei der Produktion von Nahrungsmitteln, bei der Infrastruktur und der Rohstoffförderung. So erklärte sich beispielsweise China im Februar 2009 bereit, russischen Ölgesellschaften 25 Milliarden Dollar zu leihen. Im Gegenzug wird die Volksrepublik 20 Jahre lang mit Öl beliefert.

Beide Länder überlegen außerdem den Bau einer Pipeline von der russischen Amurregion nach Daqing im Nordosten Chinas. Im Mai 2009 schloss China ein Abkommen über den Import von brasilianischem Hühner- und Rindfleisch und lieh dem halb staatlichen Mineralölunternehmen Petrobras 10 Milliarden Dollar. Im Gegenzug sollen zehn Jahre lang pro Tag 200.000 Barrel Öl an die staatliche Ölgesellschaft Sinopec geliefert werden. Und in den letzten Jahren erregte China einige Aufmerksamkeit mit seinen Krediten zum Ausbau der Infrastruktur und Rohstoffförderung in Afrika und den arabischen Ländern.

Die Schwellenländer verteilen großzügig ihre reichlich vorhandenen Geldmittel. Es geht nicht nur darum, die Güter der Welt aufzukaufen und zum König im globalen Supermarkt zu werden. Vielmehr wurden die westlichen Länder erfolgreich in eine untergeordnete Position manövriert, indem man sie zu Schuldnernationen machte – mit den Schwellenländern als Gläubiger. China hat den Westen auf zweierlei Weise fest im Griff. Die Volksrepublik produziert zum einen die Güter für den Westen und leiht ihm zum anderen mit immer neuen Krediten das Geld, um eben diese Güter zu kaufen. Dadurch ist der Westen in eine Position der Schuld und Abhängigkeit geraten, aus der er sich nur schwer wieder befreien kann.

Das teils rücksichtslose Vorgehen der Schwellenländer mag abschreckend wirken, doch die Einwände des Westens klingen hohl, wenn man sich an dessen eigenes Vorgehen auf dem Weg zur Wirtschaftsmacht erinnert. Im besten Fall können die westlichen Länder darauf hoffen, dass sie weiterhin am reich gedeckten Tisch der Globalisierung sitzen dürfen, angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung ist selbst das nicht sicher.

Die Aufsteigerländer verweisen nicht ohne Schadenfreude auf die demütigende wirtschaftliche und finanzielle Situation des Westens. Beim Weltwirtschaftsgipfel 2009 in Davos erlebte die Welt, wie die chinesische und russische Führung den Westen und vor allem die USA als die Verantwortlichen der Wirtschaftskrise scharf kritisierten und auf die prekäre wirtschaftliche Zukunft der USA hinwiesen. In einer Rede spottete der russische Ministerpräsident Wladimir Putin über die Rolle der USA beim Finanzdebakel. Vielleicht haben die USA mit dieser peinlichen Schelte gerechnet, denn in Davos ließ sich kein ranghoher Regierungsvertreter blicken – zum ersten Mal nach langer Zeit.

Wie sieht nun die richtige Strategie für das Überleben des Westens aus? Bevor der Westen irgendwelche praktischen Maßnahmen umsetzt, muss er zuallererst seine Einstellung ändern. Er kann es sich nicht mehr leisten, die aufstrebenden Wirtschaftsmächte als Emporkömmlinge zu betrachten, die an seinem Stuhl sägen. Er muss sie als Konkurrenten ernst nehmen und verlorenen Boden gutmachen, allerdings wird es nicht funktionieren, engere Verbindungen zu den Schwellenländern zu suchen und den Abbau (und nicht Aufbau) von Handelsschranken voranzutreiben. Stattdessen muss eine Überholung des Steuersystems folgen (das nicht den Konsum, sondern das Sparen belohnt) und vor allem eine Konzentration auf die drei grundlegenden Wachstumsfaktoren Kapital, Arbeit und Technologie.

Dabei wird von entscheidender Bedeutung sein, die Verschuldung zu reduzieren. In den USA mehren sich derzeit die Stimmen, die prognostizieren, dass eben das nicht gelingen wird. Sie befürchten, dass sich die USA in einigen Jahrzehnten in einen „sozialistischen Wohlfahrtsstaat“ verwandeln könnten, wodurch die Staatsausgaben weiter steigen würden. Ein Wohlfahrtsstaat ist an sich nicht grundlegend schlecht, wenn er richtig strukturiert und gut verwaltet ist und sich selbst finanzieren kann. Und das ist der entscheidende Knackpunkt, auch für europäische Länder wie die skandinavischen oder Deutschland, die ein ausgeprägtes Sozialsystem finanzieren müssen.

Die Probleme durch die Fehlallokation der Faktoren Kapital, Arbeitskraft und Technologie werden durch die politischen Gegebenheiten (kurze Legislaturperioden und dezentrale Machtverteilung) noch verschärft, denn dadurch werden die amerikanischen und auch die meisten anderen westlichen Politiker davon abgehalten, Reformen umzusetzen, die ihre Volkswirtschaften wieder auf den richtigen Weg bringen. Hier sind die staatlich gelenkten kapitalistischen Gesellschaften wie China eindeutig im Vorteil.

Es gibt Stimmen, die behaupten, die Finanzkrise 2008 und die weitere Entwicklung seien ein Beleg dafür, dass das sozialstaatliche Experiment des Westens gescheitert sei. Nun, da die Führungen der Industrieländer den Irrsinn erkannt hätten, hohe Haushaltsdefizite einzufahren und Schulden anzuhäufen, um einen aufgeblähten Verwaltungsapparat zu finanzieren, würden wir erleben, wie das Pendel zugunsten einer marktorientierten Volkswirtschaft zurückschwingen und wie durch starke Deregulierungsmaßnahmen und Steuersenkungen der Unternehmergeist gefördert und der Schwerpunkt wieder auf die Privatwirtschaft gelegt werden würde.

Ein einleuchtendes Argument, wenn da nicht der Einwand wäre, dass diese Form der Marktorientierung auf gut ausgebildete, produktive Arbeitskräfte angewiesen ist, die es jedoch laut Statistik in den kommenden Jahrzehnten immer weniger geben wird. Eine Hinwendung zur freien Marktwirtschaft und die Abkehr vom Sozialstaat würde auf jeden Fall zu einer stärkeren Einkommensungleichheit in den Industrieländern führen. Tatsächlich ist es so gut wie sicher, dass der relativ kleine Teil der gut ausgebildeten Fachkräfte und innovativen Unternehmer ein deutlich höheres Einkommen haben wird als die breite Basis der ungelernten, schlecht ausgebildeten Bevölkerung.

Die Welt von heute hat sich verändert; der Handel folgt einem neuen Muster, der Westen ist finanziell destabilisiert, und die wirtschaftlichen Chancen und Möglichkeiten liegen eher bei den Schwellenländern als bei den Industrieländern. Diese Veränderungen werden auch die Entwicklungen auf anderen Ebenen, nicht nur im Bereich der Wirtschaft, sondern auch der Geopolitik, prägen. Veränderungen sind oft beunruhigend; in ihnen kann aber auch eine große Chance liegen, wenn man den Mut hat, sie anzunehmen.

Die Autorin ist promovierte Ökonomin. Geboren in Sambia, studierte sie in Harvard und Oxford. Der Text ist ein Auszug aus ihrem Buch "Der Untergang des Westens. Haben wir eine Chance in der neuen Wirtschaftsordnung?", das in dieser Woche bei Piper erschienen ist (22,99 Euro).

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