Der Westen muss die aufstrebenden Mächte als Konkurrenten ernst nehmen.

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Weltwirtschaft : Der Untergang des Westens und die neuen Mächte
Dambisa Moyo

Das teils rücksichtslose Vorgehen der Schwellenländer mag abschreckend wirken, doch die Einwände des Westens klingen hohl, wenn man sich an dessen eigenes Vorgehen auf dem Weg zur Wirtschaftsmacht erinnert. Im besten Fall können die westlichen Länder darauf hoffen, dass sie weiterhin am reich gedeckten Tisch der Globalisierung sitzen dürfen, angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung ist selbst das nicht sicher.

Die Aufsteigerländer verweisen nicht ohne Schadenfreude auf die demütigende wirtschaftliche und finanzielle Situation des Westens. Beim Weltwirtschaftsgipfel 2009 in Davos erlebte die Welt, wie die chinesische und russische Führung den Westen und vor allem die USA als die Verantwortlichen der Wirtschaftskrise scharf kritisierten und auf die prekäre wirtschaftliche Zukunft der USA hinwiesen. In einer Rede spottete der russische Ministerpräsident Wladimir Putin über die Rolle der USA beim Finanzdebakel. Vielleicht haben die USA mit dieser peinlichen Schelte gerechnet, denn in Davos ließ sich kein ranghoher Regierungsvertreter blicken – zum ersten Mal nach langer Zeit.

Wie sieht nun die richtige Strategie für das Überleben des Westens aus? Bevor der Westen irgendwelche praktischen Maßnahmen umsetzt, muss er zuallererst seine Einstellung ändern. Er kann es sich nicht mehr leisten, die aufstrebenden Wirtschaftsmächte als Emporkömmlinge zu betrachten, die an seinem Stuhl sägen. Er muss sie als Konkurrenten ernst nehmen und verlorenen Boden gutmachen, allerdings wird es nicht funktionieren, engere Verbindungen zu den Schwellenländern zu suchen und den Abbau (und nicht Aufbau) von Handelsschranken voranzutreiben. Stattdessen muss eine Überholung des Steuersystems folgen (das nicht den Konsum, sondern das Sparen belohnt) und vor allem eine Konzentration auf die drei grundlegenden Wachstumsfaktoren Kapital, Arbeit und Technologie.

Dabei wird von entscheidender Bedeutung sein, die Verschuldung zu reduzieren. In den USA mehren sich derzeit die Stimmen, die prognostizieren, dass eben das nicht gelingen wird. Sie befürchten, dass sich die USA in einigen Jahrzehnten in einen „sozialistischen Wohlfahrtsstaat“ verwandeln könnten, wodurch die Staatsausgaben weiter steigen würden. Ein Wohlfahrtsstaat ist an sich nicht grundlegend schlecht, wenn er richtig strukturiert und gut verwaltet ist und sich selbst finanzieren kann. Und das ist der entscheidende Knackpunkt, auch für europäische Länder wie die skandinavischen oder Deutschland, die ein ausgeprägtes Sozialsystem finanzieren müssen.

Die Probleme durch die Fehlallokation der Faktoren Kapital, Arbeitskraft und Technologie werden durch die politischen Gegebenheiten (kurze Legislaturperioden und dezentrale Machtverteilung) noch verschärft, denn dadurch werden die amerikanischen und auch die meisten anderen westlichen Politiker davon abgehalten, Reformen umzusetzen, die ihre Volkswirtschaften wieder auf den richtigen Weg bringen. Hier sind die staatlich gelenkten kapitalistischen Gesellschaften wie China eindeutig im Vorteil.

Es gibt Stimmen, die behaupten, die Finanzkrise 2008 und die weitere Entwicklung seien ein Beleg dafür, dass das sozialstaatliche Experiment des Westens gescheitert sei. Nun, da die Führungen der Industrieländer den Irrsinn erkannt hätten, hohe Haushaltsdefizite einzufahren und Schulden anzuhäufen, um einen aufgeblähten Verwaltungsapparat zu finanzieren, würden wir erleben, wie das Pendel zugunsten einer marktorientierten Volkswirtschaft zurückschwingen und wie durch starke Deregulierungsmaßnahmen und Steuersenkungen der Unternehmergeist gefördert und der Schwerpunkt wieder auf die Privatwirtschaft gelegt werden würde.

Ein einleuchtendes Argument, wenn da nicht der Einwand wäre, dass diese Form der Marktorientierung auf gut ausgebildete, produktive Arbeitskräfte angewiesen ist, die es jedoch laut Statistik in den kommenden Jahrzehnten immer weniger geben wird. Eine Hinwendung zur freien Marktwirtschaft und die Abkehr vom Sozialstaat würde auf jeden Fall zu einer stärkeren Einkommensungleichheit in den Industrieländern führen. Tatsächlich ist es so gut wie sicher, dass der relativ kleine Teil der gut ausgebildeten Fachkräfte und innovativen Unternehmer ein deutlich höheres Einkommen haben wird als die breite Basis der ungelernten, schlecht ausgebildeten Bevölkerung.

Die Welt von heute hat sich verändert; der Handel folgt einem neuen Muster, der Westen ist finanziell destabilisiert, und die wirtschaftlichen Chancen und Möglichkeiten liegen eher bei den Schwellenländern als bei den Industrieländern. Diese Veränderungen werden auch die Entwicklungen auf anderen Ebenen, nicht nur im Bereich der Wirtschaft, sondern auch der Geopolitik, prägen. Veränderungen sind oft beunruhigend; in ihnen kann aber auch eine große Chance liegen, wenn man den Mut hat, sie anzunehmen.

Die Autorin ist promovierte Ökonomin. Geboren in Sambia, studierte sie in Harvard und Oxford. Der Text ist ein Auszug aus ihrem Buch "Der Untergang des Westens. Haben wir eine Chance in der neuen Wirtschaftsordnung?", das in dieser Woche bei Piper erschienen ist (22,99 Euro).