Die Schwellenländer bauen ihre Verbindungen untereinander aus.

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Weltwirtschaft : Der Untergang des Westens und die neuen Mächte
Dambisa Moyo

Wenn die USA weiterhin die gleiche fehlgeleitete Politik verfolgen, wird der Niedergang nicht aufzuhalten sein. Wirtschaftsprognosen gehen bereits davon aus, dass die USA als größte Wirtschaftsmacht der Welt bis 2027 von China abgelöst werden – das sind gerade noch 17 Jahre. Die fortgesetzte qualitative und quantitative Unterhöhlung bei den Wachstumsfaktoren Kapital, Arbeitskraft und Technologie hat zu einem langfristigen strukturellen Niedergang der westlichen und vor allem amerikanischen Wirtschaft geführt.

Aber bevor wir uns diesem Thema zuwenden, werfen wir zunächst einen Blick auf die Länder der neuen Weltordnung, die die bisherige Dominanz des Westens infrage stellen.

Ein ehemaliger Banker erzählte mir einmal eine Geschichte über eine Begegnung mit einem ranghohen russischen Verwaltungsbeamten. Nur wenige Monate nach der Russlandkrise 1998 hatte eine große internationale Bank beschlossen, der russischen Regierung einen Kredit in Höhe von hunderten Millionen Dollar zu gewähren. In den Wochen nach der Unterzeichnung des Kreditabkommens bemühte sich der Bankvorstand um ein „Abschlussdinner“ (ein Essen, bei dem der Vertragsabschluss gefeiert wird und der Kreditgeber die Gelegenheit hat, den Kreditnehmer daran zu erinnern, wer das Sagen hat, während der Kreditnehmer – in unserem Fall die Russen  – seine Dankbarkeit zeigt). Nach mehreren Telefongesprächen und einer Flut von E-Mails kapitulierten die Russen schließlich und waren bereit, sich mit den Bankern in Moskau zu treffen. Allerdings warnten sie gleich: „Wir sind die Russische Föderation, wir lassen uns nicht belehren.“

In den vergangenen 50 Jahren verfuhr die westliche Politik im Grunde nach dem Ausschlussverfahren. Die großen internationalen Organisationen, die über Weltsicherheit, Wirtschaft, Handel und Entwicklung bestimmen, werden von den westlichen Industrieländern dominiert, die Schwellen- und Entwicklungsländer sind praktisch nicht vertreten. Als Beispiele sind die G 8, die Direktorien des Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und noch viele mehr zu nennen.

Das ändert sich zwar langsam, doch bisher standen die Organisationen Veränderungen skeptisch gegenüber. Dass Großbritannien, Frankreich, Deutschland und Italien ständige Mitglieder der G 8 sind, die Türkei, Saudi-Arabien, Mexiko, Südafrika, Brasilien, Indien oder China aber nicht, ist absurd und kündet von der mangelnden Bereitschaft, sich der neuen Realität der modernen Wirtschaftswelt zu stellen. Die Schwellenländer haben reagiert und zum Nachteil der westlichen Industrieländer ihre eigenen Verbünde gegründet.

Einstweilen deutet alles darauf hin, dass sie ihre Stärke gemeinsam einsetzen und ihre Verbindungen untereinander (im Handel, in der Finanzwelt und Politik) weiter ausbauen werden. Mit jedem Jahr mehren sich die Partnerschaften bei der Produktion von Nahrungsmitteln, bei der Infrastruktur und der Rohstoffförderung. So erklärte sich beispielsweise China im Februar 2009 bereit, russischen Ölgesellschaften 25 Milliarden Dollar zu leihen. Im Gegenzug wird die Volksrepublik 20 Jahre lang mit Öl beliefert.

Beide Länder überlegen außerdem den Bau einer Pipeline von der russischen Amurregion nach Daqing im Nordosten Chinas. Im Mai 2009 schloss China ein Abkommen über den Import von brasilianischem Hühner- und Rindfleisch und lieh dem halb staatlichen Mineralölunternehmen Petrobras 10 Milliarden Dollar. Im Gegenzug sollen zehn Jahre lang pro Tag 200.000 Barrel Öl an die staatliche Ölgesellschaft Sinopec geliefert werden. Und in den letzten Jahren erregte China einige Aufmerksamkeit mit seinen Krediten zum Ausbau der Infrastruktur und Rohstoffförderung in Afrika und den arabischen Ländern.

Die Schwellenländer verteilen großzügig ihre reichlich vorhandenen Geldmittel. Es geht nicht nur darum, die Güter der Welt aufzukaufen und zum König im globalen Supermarkt zu werden. Vielmehr wurden die westlichen Länder erfolgreich in eine untergeordnete Position manövriert, indem man sie zu Schuldnernationen machte – mit den Schwellenländern als Gläubiger. China hat den Westen auf zweierlei Weise fest im Griff. Die Volksrepublik produziert zum einen die Güter für den Westen und leiht ihm zum anderen mit immer neuen Krediten das Geld, um eben diese Güter zu kaufen. Dadurch ist der Westen in eine Position der Schuld und Abhängigkeit geraten, aus der er sich nur schwer wieder befreien kann.