Meinung : Wer wird Weltrettungshauptstadt?

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Der „Spiegel“ hat eine Titelgeschichte über Berlin („Comeback einer Weltstadt“). Darin heißt es:

In diesen Wochen ist die Strahlkraft Berlins und seiner Kanzlerin noch intensiver als sonst. Deutschland hält die EU-Ratspräsidentschaft und den Vorsitz der G 8, des Verbundes der wichtigsten Industriestaaten der Welt.

Die Präsidentschaft ist wie ein Upgrade für die Hauptstadt. Ein Beamter begann neulich in einem Hintergrundgespräch einen Satz mit: ,Solange ich Präsidentschaft bin ...‘ Man ist jetzt groß in Berlin. Wir sind alle Präsidenten. Man füllt jetzt die riesigen Räume, die auf Wunsch von Helmut Kohl im Regierungsviertel geschaffen wurden, den Kanzleramtsklotz, den Paul-Löbe-Glaspalast. Überall himmelhohe Hallen, gigantische Speicher für Berliner Luft.

Dieses groß wirkende Berlin hat nun endlich auch ein großes Thema: Umwelt, die Rettung der Erde. Seitdem Angela Merkel die EU in verbindliche Umweltziele hineinverhandelt hat, wird in Berlin Weltpolitik gemacht. Sie hat angekündigt, den ,Schwung‘ dieser Entscheidung in die G 8 zu tragen. Berlin als Stadt der Vorreiter.

Aber das war ein kurzer Genuss. Jetzt liegt London vorn. Tony Blair hat angekündigt, dass er Großbritannien ehrgeizigere Umweltziele setzen wird als Merkel der EU. Wird Berlin das auf sich sitzen lassen? Wer wird auf Dauer Weltrettungshauptstadt? (...)

Es scheint, als habe die Lebenslust der Stadt, der Hang zum Exhibitionismus, die Sucht nach Vergnügung inzwischen selbst jenes Milieu infiziert, das lange als besonders steif und reserviert galt.

Der Hype um die Hauptstadt macht Politiker zu kleinen Popstars auf der großen Bühne zwischen Alexanderplatz und Reichstag, zwischen Willy-Brandt- und Konrad-Adenauer-Haus. Und deshalb zeigen sie sich auch, wie es Popstars tun: beim Essen, beim Flanieren, gern auch beim Shoppen.

Anders als in der Bonner Republik, wo Helmut Kohl freitags nachmittags in den Hubschrauber nach Oggersheim stieg und das Parlament sich vom Hauptbahnhof aus in alle Richtungen auflöste, kennt die Berliner Republik keine Fünf-Tage-Woche.

Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sieht man am Tresen der Gourmetabteilung des KaDeWe oder, wer es wissen will, weiß es: zum anschließenden Abtrainieren der Pfunde im Frauenfitnessclub.

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