Meinung : „Wir haben Angst vor dem Radar“

Kilian Kirchgeßner

Dass Kamerateams aus ganz Europa eines Tages sein kleines böhmisches Dorf belagern würden, hatte Jan Neoral nicht erwartet. Er ist Bürgermeister von Trokavec, einer Gemeinde mit exakt 98 Einwohnern im Westen von Prag. Ausgerechnet hier will das US-Militär eine mächtige Radarstation für den geplanten Raketen-Abwehrschild aufbauen. „Als wir davon gehört haben, dachten wir, die Welt sei verrückt geworden“, sagt Neoral. Seither kämpft der Bürgermeister gegen den Plan – und schüttelt den Kopf darüber, dass sein friedliches Trokavec auf einmal mitten in die Weltpolitik hineinkatapultiert worden ist.

An seine Gemeinde grenzt das militärische Sperrgebiet Brdy. Früher unterhielten die Russen hier ihren letzten Außenposten vor der Grenze zum kapitalistischen Westen. Jetzt haben die Amerikaner ihr Interesse an dem Areal geäußert. Für den geplanten Raketenabwehrgürtel brauchen sie einen Stützpunkt in Europa, und Tschechien liegt nach ihren Angaben geografisch optimal. Von hier aus wollen sich die USA gegen feindliche Sprengköpfe wehren, die Schurkenstaaten wie der Iran oder Nordkorea abschießen könnten.

In der tschechischen Politik ist das Thema ein heißes Eisen. Die neue Regierung des bürgerlichen Premiers Mirek Topolanek gilt als amerikafreundlich und hat bereits ihre Zustimmung signalisiert. Die Opposition aus Sozialdemokraten und Kommunisten wehrt sich allerdings heftig gegen das amerikanische Ansinnen, und auch die Bürger sprechen sich in Meinungsumfragen mit großer Mehrheit gegen die Radaranlage aus.

Besonders heftig ist der Widerstand in der betroffenen Region. Bürgermeister Neoral fürchtet, dass Trokavec zur Zielscheibe für Terroristen werden könnte. Und er hat Angst vor der Radarstrahlung: „Nicht, dass hier lauter verkrüppelte Kinder auf die Welt kommen“, sagt er und fügt hinzu: „Wenn das so ungefährlich ist, sollen sie das doch woanders aufbauen. Warum holen sie sich die Anlage nicht einfach nach Prag?“

Aus Protest hat Neoral jetzt ein Referendum abgehalten. Das Ergebnis: Alle Bürger sind geschlossen gegen die Radaranlage, nur eine einzige Stimme gab es für das US-Projekt. Viel helfen wird das Votum wohl nicht, glaubt Jan Neoral. Seinen Widerstand aber werde er weiterführen: Wenn sich die Regierung schon entschieden habe, ihn nicht zu fragen, dann müsse er das Interesse seines Ortes eben auf ungewöhnlichem Wege vertreten.