Michael Müller im Interview : „Im vergangenen Jahr haben wir 3100 Sozialwohnungen gefördert“

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller will den Wohnungsbau beschleunigen und setzt dabei auf Absprachen mit Brandenburg und auf Verdichtung.

Michael Müller (in der Mitte) war von Ende November 2011 bis Anfang Dezember 2014 Senator für Stadtentwicklung und Umwelt.
Michael Müller (in der Mitte) war von Ende November 2011 bis Anfang Dezember 2014 Senator für Stadtentwicklung und Umwelt.Foto: DAVIDS

Herr Regierender Bürgermeister: Berlin ist eine stark wachsende Stadt. Freut Sie das oder haben Sie gelegentlich Verlustängste?

Nein, ich habe mich immer, auch schon in West-Berliner Zeiten, hier pudelwohl gefühlt. Der Fall der Berliner Mauer und das Ende der Teilung sind ein Glücksfall für unsere Stadt. Berlin hat eine internationale Anziehungskraft, der viele nicht widerstehen wollen und können. Es ist eine Entwicklung, die mich als Berliner und als Regierender Bürgermeister freut. Auch dass es diesen Zuzug gibt, ist durchweg positiv. Denn das bedeutet, dass wir uns finanziell und wirtschaftlich gut entwickeln. Und dass zum Beispiel Wissenschaft und Kultur gestärkt werden.

Es soll also nicht alles bleiben, wie es ist?

Nein, aber wir müssen diese Entwicklung natürlich aktiv begleiten. Ich freue mich über jede und jeden, der kommt, denn das ist auch die Basis unseres wirtschaftlichen Erfolgs. Aber das bedeutet natürlich für uns jetzt auch, dass wir zusätzliche Herausforderungen haben: Kitas, Schulen, Wohnungen. Das alles muss mitwachsen und das ist nicht einfach.

Sind Sie wie Ihre Bausenatorin der Meinung, dass „Berlin fertig gebaut“ ist? Wir zitieren aus der diesjährigen Jahrespressekonferenz von Katrin Lompscher. Reicht es, sich auf den Hobrecht-Plan zu verlassen, um den Zuzug in die richtigen Bahnen zu lenken?

Ich sehe das tatsächlich anders. Wir gehen mit großen Schritten auf die 4-Millionen-Metropole zu. Und das bedeutet, wir müssen uns in vielen Dingen verändern. In der Baumasse, in der Quantität, aber auch in der Qualität. Wir sind eine europäische Metropole. Und wir haben tolle Architekten, die die Stadt mitgestalten – Chipperfield, Pei, Rem Kohlhaas, um nur wenige zu nennen. Mit diesen und vielen anderen Architekten und Stadtentwicklern, aber natürlich auch mit den Berlinerinnen und Berlinern wollen wir die Stadt weiterentwickeln, noch mehr aus ihr machen.

Sollten wir mehr Architekturwettbewerbe haben?

Man merkt, dass Sie schon einmal mit der Präsidentin der Architektenkammer Berlin, Frau Christine Edmaier, gesprochen haben. Es ist eine Gratwanderung. Es ist ein berechtigter Anspruch der Architektenkammer. Und Wettbewerbe schaffen auch neue Ideen. Wir müssen in manchen Dingen aber vielleicht auch pragmatisch entscheiden und beschleunigen. Insofern, hoffe ich, finden wir einen guten Mittelweg.

Also für das Neubaugebiet „Blankenburger-Süden“ gesehen: eher kein Wettbewerb.

Das sollen die Fachleute entscheiden, wenn es so weit ist und die jetzt anstehenden Dinge geklärt sind.

Was ist von der neuen Bundesregierung mit Blick auf das Baugeschehen (und dessen Finanzierung) in Berlin zu erwarten: Welche Instrumente aus dem Koalitionsvertrag entlasten die Stadt und ihre Bürger vermutlich spürbar? Es gibt viele junge Familien. Ziehen die am besten alle an den Stadtrand nach Brandenburg?

Nein, denn wir wollen ja möglichst allen Berlinerinnen und Berlinern eine Zukunft in Berlin geben. Dafür sorgen wir unter anderem mit unseren kommunalen Wohnungsbaugesellschaften, aber auch Genossenschaften in den unterschiedlichen Quartieren mit dem Neubau von bezahlbaren Wohnungen. Von Köpenick bis Spandau wird gebaut. Richtig ist aber natürlich, dass wir auch Unterstützung von der Bundesebene brauchen. Auch deshalb war es mir wichtig, für die SPD in diesem zentralen Politikbereich den Koalitionsvertrag mitzuverhandeln. Es gibt vor allem zwei Dinge, die hier eine Rolle spielen: Das eine sind die Bundesmittel in Höhe von 2 Milliarden Euro für den sozialen Wohnungsbau – auch für uns mit einer Verstetigung über 2019 hinaus. Und zum Zweiten der Paradigmenwechsel, was die Bundesliegenschaften anbelangt. Diese müssen den Kommunen auch wirklich für den Wohnungsbau zur Verfügung stehen. Das sind schon zwei wichtige Schritte nach vorn.

Berlin scheint vor allem die Bürger im Blick zu haben, die bereits in der Stadt wohnen, nicht aber die, die hierherkommen wollen, hier aber keinen geeigneten Wohnraum finden. Die Stadt braucht Fachkräfte, um sich weiterzuentwickeln. Warum baut Berlinovo keine Service-Apartments im gehobenen Segment, um die attraktive Stadt für gesuchte Fachkräfte auch schnell bewohnbar zu machen?

Um das gehobene Segment mache ich mir keine Sorgen. Hier gibt es genug Angebote. Und gerade über die privaten Bauherren wird ja eher im mittleren und gehobenen Segment gebaut. Ich sehe die Aufgabe hauptsächlich darin, bezahlbare Wohnungen in großer Stückzahl, guter Qualität und vor allem schnell zu bauen. Und dies in allen Berliner Quartieren, nicht nur in der Mitte Berlins, in Kreuzberg, Pankow, sondern auch in Spandau, Reinickendorf und Tempelhof. Das ist nicht einfach, weil es eben auch Konflikte gibt. Viele sagen: Es ist gut, dass ich hier bin. Und nun ist es aber auch gut mit dem Bauen. Wir müssen Akzeptanz schaffen und deutlich machen, dass auch die, die hier schon länger leben, davon profitieren, dass sich die Stadt weiterentwickelt und wächst. Dass wir jetzt die nötigen Mittel für ein Jahrzehnt der Investitionen in alle wichtigen Bereiche haben, hängt mit dem Zuzug und der damit einhergehenden guten wirtschaftlichen Entwicklung zusammen. Aber für die Menschen, die aus- oder umziehen und neu in die Stadt kommen, brauchen wir eben auch Wohnungen und die notwendige soziale Infrastruktur: Krankenhäuser, Kitas, Schulen, ÖPNV. Für all dies muss gesorgt werden.

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