Lancias neuer Thema im Test : Ein Cowboy trägt Armani

Mit dem neuen Thema will Fiat seine schon lange dahin siechende Marke Lancia wieder in die Spur bringen. Das soll jetzt ein Import aus den USA schaffen und der italienischen Marke wieder zu neuem Glanz verhelfen. Wir haben uns den US-Boy im Armani-Anzug mal näher angesehen.

Sieht aus wie ein Chrysler - und ist eigentlich auch einer. Der Lancia Thema kommt fertig montiert über den Atlantik um hier den Lancia zu geben.
Sieht aus wie ein Chrysler - und ist eigentlich auch einer. Der Lancia Thema kommt fertig montiert über den Atlantik um hier den...Foto: Markus Mechnich

Nervös fährt der Chrysler 300C im abendlichen Hamburger Stadtverkehr hinter uns her. An einer Ampel setzt er sich hinter uns und drückt sich die Nase an seiner Windschutzscheibe platt, beim nächsten Rot steht er schräg neben uns und scannt unser Auto von vorne bis hinten. Erst sechs oder sieben Ampeln weiter biegt er ab und fährt seiner Wege. Was ihn so brennend interessiert hat, ist im Grunde ganz einfach: Ein Chrysler 300C, der aber die Markenzeichen von Lancia trägt.

In der globalisierten Autobranche ist kein Platz mehr für Sentimentalitäten. Und wenn einer ohnehin ausgesprochen wenig von so etwas hält, dann ist das Sergio Marchionne, der in Personalunion Fiat und Chrysler führt. Der Erfolg freilich, mit dem der Italo-Kanadier den maroden Fiat-Konzern saniert hat, gibt ihm zweifellos Recht. So werden die Fans der beiden Marken wohl in einigen Jahren zwar mit Wehmut an alte Zeiten zurückdenken, als Lancia noch Lancia und Chrysler noch Chrysler war. Aber immerhin wird es beide Marken wahrscheinlich noch geben, was Saab-Freunde beispielsweise nicht von ihrem Lieblings-Autobauer behaupten können.

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Der neue Lancia Thema im Test
Der neue Lancia Thema im Test

Passt zusammen, was nun zusammengehören muss?

Im Laufe von zwei Jahren wurden Chrysler und Lancia zusammengeführt. Die Marke Chrysler ist aus Europa verschwunden und seit Herbst letzten Jahres gibt es die ehemaligen Modelle 300C und den Großraum-Van Voyager unter dem Logo von Lancia. Der Voyager ist immer noch Voyager, ein großer Van mit ganz und gar amerikanischen Genen und entsprechendem Charme. Der 300C wurde zum Lancia Thema. Mit seiner Überarbeitung 2011 tritt er quasi gleichzeitig das Erbe des alten Thema an und soll die Chrysler-Kunden nun an die italienische Marke binden.

Da stellt sich die Frage, ob das wirklich zusammengeht, was da jetzt unter dem traditionsreichen italienischen Logo vertrieben wird. Lancia, das stand einst für besonderes Design und fortschrittlichste Technik. Lancia war eine Ingenieursmarke. Wirtschaftlich nie sonderlich erfolgreich, aber stets mit hochinteressanten Modellen am Markt. Enrico Caruso fuhr einen, Ernest Hemingway ebenso wie Greta Garbo, Gary Cooper oder Max Schmeling. Selbst Nazi-Architekt Albert Speer schwärmte von seinem weißen Lancia vor Beginn des Zweiten Weltkrieges.

Der Thema war schon immer ein Kooperationsprodukt. Das erste Modell war Kind einer Kooperation zwischen Lancia, Saab, Alfa Romeo und Fiat.
Der Thema war schon immer ein Kooperationsprodukt. Das erste Modell war Kind einer Kooperation zwischen Lancia, Saab, Alfa Romeo...Foto: Markus Mechnich

Die Begeisterung für die Autos kam nicht von ungefähr. Die Marke, die der ehemalige Fiat-Buchhalter und Rennfahrer Vincenzo Lancia 1906 gründete, zeichnete sich durch bahnbrechende Erfindungen aus. So wurde beispielsweise die weltweit erste selbsttragende Karosserie 1923 in einem Lancia Lambda verbaut. 1998 waren bereits LED-Heckleuchten in der Studie Dialogos zu finden. In den zwanziger Jahren wurden die Modelle noch im Jahrestakt auf den Markt geworfen. Jedes einzelne davon mit einem neuen Patent für eine Erfindung von Lancia.

Von dieser Innovationskraft ist seit der Eingliederung Lancias in den Fiat-Konzern relativ wenig geblieben. Auch deshalb steht vor uns ein Chrysler mit dem Markenlogo der einstigen Turiner Technologieschmiede. Auf dem deutschen Markt kam Lancia 2010 nur noch auf die bemitleidenswerte Zahl von 1463 Neuzulassungen und rangierte damit deutlich hinter einem Nischenhersteller wie Lada. Daher ist Marchionnes Plan einleuchtend: Der Verbund mit Chrysler ist vermutlich der letzte Anlauf die seit Jahren siechende Marke zu retten.

Einfach wird auch diese Aufgabe nicht zu lösen sein. Denn der neue Thema zum Beispiel tritt im ausgesprochen schwierigen Segment der oberen Mittelklasse an, die von deutschen Premiumherstellern dominiert wird. Diese setzen Standards, an den Franzosen, Italiener, Schweden und zuletzt eben auch die Amerikaner auf den europäischen Märkten, und nicht nur da, immer wieder gescheitert sind. Die einzige Chance ist meist der günstigere Preis im Vergleich zu den Deutschen. Doch das macht die Modelle für die Hersteller auch wirtschaftlich schnell uninteressant.

Zunächst mal versucht es der Thema mit einem ur-amerikanischen Design. Das kam als Chrysler durchaus auch auf dem deutschen Markt an. Im Jahr 2008 wurden noch fast 1500 an 300C hierzulande zugelassen. Mit der Überarbeitung letztes Jahr hat der Thema nun etwas weichere Kanten bekommen, aber dennoch seine Charakteristik behalten. Das Ami-Flair ist ihm aber immer noch deutlich in die Karosserie geschrieben. Ein bulliges Auto ist der Thema geblieben und auf den Straßen zieht er nicht nur die Blicke interessierter Chrysler-Fahrer auf sich.

Auch nach der Überarbeitung des Modells 300 von Chrysler ist das Design kantig geblieben. Allerdings sind die Formen etwas weicher geworden. Am Heck gibt es nun LED-Beleuchtung. Markant sind die zwei Endtöpfe unter der Heckschürze.
Auch nach der Überarbeitung des Modells 300 von Chrysler ist das Design kantig geblieben. Allerdings sind die Formen etwas weicher...Foto: Markus Mechnich

Entscheidend für den Erfolg wird aber das Thema Qualität werden. Denn die Kritik daran hat sowohl Chrysler als auch Lancia immer wieder belastet. Im Vergleich zu den ersten Fahrzeugen bei der Vorstellung im vergangenen Oktober ist das Niveau der Verarbeitung deutlich gestiegen. Ungeplante Falten im Leder oder klappernde Holzverkleidungen waren in unserem Testfahrzeug nicht zu entdecken. Allerdings ist das Plastik im Innern der Mittelkonsole und deren Verschluss immer noch klapprig. Aber im Großen und Ganzen vermittelt das Interieur des Thema einen ganz passablen und wertigen Eindruck.

Die Lounge hinterm Lenkrad

Richtig amerikanisch wird es bei dem ein oder anderen Detail, das dieser Lancia bietet. So wird der Kaffee in den beiden Becherhaltern der Mittelkonsole warm gehalten, ein Softdrink kann aber auch gekühlt werden. Die Rückbank bietet, wie die vorderen Plätze auch, eine Sitzheizung an und die Pedalerie ist elektrisch verstellbar. Das Ambiente wird ergänzt durch ein elektrisches Rollo in der Heckscheibe und eine hoch auflösende Rückfahrkamera.

Diese Wohlfühlatmosphäre steht etwas im Kontrast zur recht harten Abstimmung unseres Testwagens. Mit der 20-Zoll-Bereifung kommt unweigerlich ein Sportfahrwerk mit. Das ist zwar sehr solide und macht aus dem Thema ein souverän zu steuerndes Auto. Aber auf kurze Bodenwellen und Kopfsteinpflaster reagiert die Dämpfung etwas verschnupft und gibt sich stößig. Insgesamt ist die Abstimmung für das Auto aber sehr passend. Ein guter Kompromiss zwischen Sicherheit und Komfort. Schließlich will man auf den Lounge-Sesseln, die der Thema an Bord hat, nicht wirklich Rennen fahren.

Reichlich Drehmoment und üppige Ausstattung

Dabei hat der Italo-Cowboy durchaus Potenzial sich sehr sportlich fortzubewegen. Der Sechszylinder in V-Form leistet mit seinen drei Litern Hubraum 239 PS und drückt die brachiale Kraft von 550 Newtonmeter ab 1800 Umdrehungen pro Minute auf die Kurbelwelle. Übertragen wird dieses Drehmoment bei den beiden, verfügbaren Diesel-Antrieben durch eine Fünfgang-Automatik, die Chrysler einst noch von Daimler erbte. Das funktioniert mit eher schleppenden Gangwechseln zwar ordentlich, begeistern kann es aber nicht. Für den Benziner gibt es schon das Achtgang-Doppelkupplungsgetriebe von ZF, für die Diesel soll es erst im Laufe dieses Jahres kommen. Das würde dann die Verbrauchswerte wohl auch noch mal verbessern. Mit 7,1 Litern für die 100 Kilometer steht er auf dem Papier ganz ordentlich da. Bei unseren Testfahrten genehmigte sich der Lancia Thema allerdings genau zwei Liter mehr, was für einen Diesel dann doch ein Häppchen zu viel ist.

Im Interieur geht es wohnlich zu. Ganz amerikanisch sind Annehmlichkeiten wie kühl- oder heizbare Becherhalter, eine Lenkradheizung oder die belüftete Sitze. Über das 8,4 Zoll große Touchscreen-Display werden auch zahlreiche Funktionen des Fahrzeugs gesteuert.
Im Interieur geht es wohnlich zu. Ganz amerikanisch sind Annehmlichkeiten wie kühl- oder heizbare Becherhalter, eine...Foto: Markus Mechnich

Bis zu 232 Stundenkilometer sind so maximal drin. Eingefangen wird das mehr als zwei Tonnen schwere Gefährt durch innenbelüftete Scheibenbremsen vorne und hinten. Den Sprint auf die 100 Stundenkilometer absolviert der Thema in 7,8 Sekunden. Damit liegt er nur 0,1 Sekunden hinter dem stärkeren Sechszylinder-Pentastar, den es ebenfalls im Angebot gibt. Die Zuladung des Lancia Thema ist mit 434 Kilogramm hingegen eher bescheiden. Gleiches gilt für das Kofferraumvolumen von 462 Liter.

Technisch steht der Lancia Thema zwar ordentlich dar. Aber im Vergleich mit einem 530d von BMW oder einer E-Klasse mit Drei-Liter-Diesel leistet er andererseits jetzt auch nichts Außergewöhnliches. Immerhin kann der Lancia mit einer sehr umfangreichen Ausstattung punkten. Für 50.900 Euro ist schon so ziemlich alles drin, was das Herz begehrt. Als Sonderausstattung gibt es nur noch ein Panoramadach für 1350 Euro.

Das Garmin-Navigationssystem dieses Lancia hat uns bei den Testfahrten allerdings sehr geärgert und ist schlicht keine adäquate Lösung für diese Klasse. Weder Auflösung noch Funktionalität waren richtig zufrieden stellend. Da sollte sich Fiat etwas Besseres einfallen lassen. Aber auch so wird es der neue Thema nicht leicht haben gegen das Establishment in der oberen Mittelklasse. Preislich kann der Italo-Amerikaner durchaus punkten. Ein BMW 530d oder ein Mercedes E 300 CDI kosten beide zwar knapp 50.000 Euro. Dafür haben sie allerdings keinerlei Ausstattung dabei. Deren Motoren hingegen sind günstiger im Verbrauch und die moderneren Antriebe.

In der oberen Mittelklasse ist der Wettbewerb hart. Vor allem die deutschen Hersteller legen die Messlatte mit viel Hightech hoch. Da wird es der Lancia Thema nicht einfach haben.
In der oberen Mittelklasse ist der Wettbewerb hart. Vor allem die deutschen Hersteller legen die Messlatte mit viel Hightech hoch....Foto: Markus Mechnich

Vor allem aber fehlt dem Thema das ein oder andere technische Highlight wie ein adaptives Fahrwerk etwa. Das Design jedenfalls polarisiert genauso wie früher beim Chrysler 300C. Muss man mögen oder man kann es nicht leiden. Den angepeilten Absatz von rund 1000 Fahrzeuge für den deutschen Markt dürfte Fiat dennoch erreichen. Wenn, ja nur wenn es die Fans dieses Modells verzeihen, dass aus dem Chrysler nun ein Lancia geworden ist. Die Anhängerschaft von Lancia ist schließlich schon länger ziemlich überschaubar.

Stärken:

Antrittsstarker Diesel, ordentliche Dämmung auch bei hohen Geschwindigkeiten, umfangreiche Ausstattung

Schwächen:

Material-Mix überzeugt nicht überall, Diesel manchmal etwas knurrig, Navi nicht klassengerecht, Fahrwerk wird auf kurzen Wellen stößig

DatenblattLancia Thema 3.0 V6 MultiJet 24v
Abmessungen (Länge/Breite/Höhe) 5,07 / 1,91 / 1,49 Meter
Leergewicht2038 Kilogramm
Kofferraumvolumen normal/Rückbank umgelegt462 Liter / k.A.
Maximale Zuladung434 Kilogramm
Sitzplätze5
Tankvolumen72 Liter
MotorSechszylinder-Diesel-Motor in V-Form mit 4 Ventilen pro Zylinder
Hubraum2987 ccm
5etriebe5-Gang-Automatik-Getriebe
Leistung (kW/PS)176 / 239
Drehmoment550 Newtonmeter bei 1800 Umdrehungen pro Minute
Beschleunigung 0 - 100 km/h7,8 Sekunden
Höchstgeschwindigkeit232 km/h
Verbrauch laut Hersteller (innerorts / außerorts / kombiniert)9,5 / 5,7 / 7,1 Liter
Verbrauch im Test9,1 Liter
Preis als Basisfahrzeug41.400 Euro
Preis des Testwagens50.900 Euro

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