Skoda Octavia im Test : Der Liebling der Familie

Der Skoda Octavia ist aus guten Gründen Europas meistverkaufter Kombi. Aber perfekt ist er nicht.

Familienschiff. Die aktuelle Version des Octavia ist am "Vieraugengesicht" leicht zu erkennen.
Familienschiff. Die aktuelle Version des Octavia ist am "Vieraugengesicht" leicht zu erkennen.Foto: Skoda

Der Kollege am Steuer, der rund ums Jahr Autos testet, ist ein bisschen frustriert: „Ich weiß wirklich nicht, was man hier kritisieren sollte.“ Na ja, säuselt der Wind nicht ein bisschen zu deutlich um die Türkanten? „Wir fahren 140!“ Und das Rollgeräusch? „Mir schien der neue Golf neulich lauter.“ Und das Pseudo-Alu-Dekor in den Türverkleidungen? „Wer echtes Metall haben will, kann ja für ein paar Tausend Euro mehr einen Audi kaufen.“

Schon der 1996 eingeführte Skoda Octavia Combi – die Limousine spielt auf dem deutschen Markt praktisch keine Rolle – galt als gutes Angebot für Menschen mit großem Platzbedarf, die zweite Generation (ab 2004) zusätzlich als schick und die dritte (seit 2012) längst als der vernünftigere Golf Variant mit Platz fast wie im Passat – zu Preisen, die näher am Polo liegen. Ist der Octavia nach seiner Überarbeitung 2017 etwa das perfekte Auto?

Automatische Bremsung auf der Überholspur

Ooooooh – nein! Ist er nicht: Während wir im mit allen verfügbaren Assistenzsystemen bestückten Testwagen auf der Autobahn einen Lkw überholen, schlägt er plötzlich Alarm und bremst selbstständig hart ab. Auf völlig freier Strecke und zum Glück auch ohne Hintermann. Vielleicht hat eine Schilderbrücke das Radar irritiert, tippt ein Techniker später. Es wird der schwerste Fauxpas bleiben, den der Octavia sich leistet. Ansonsten: Sehr geräumig vorn wie hinten, ein mit 610 bis 1740 Litern riesiger Kofferraum, eine auch im Stadtverkehr angenehm übersichtliche Karosserie, solide Materialien in guter Verarbeitung und eine Bedienung, die vor allem dank des neuen gläsernen Touchscreens leichtfällt. Er lässt in keiner Motorisierung nennenswertes Gebrumm hören, so dass nichts gegen längere Touren zu viert mit großem Gepäck spricht. Zu den bekannten netten Details – Eiskratzer in der Tankklappe sowie Regenschirm und Taschenlampe im Kofferraum – ist noch ein Flaschenfach zwischen den Vordersitzen gekommen, in dem sich eine PET-Flasche einhändig öffnen lässt.

Großer Wagen. In Deutschland wird der Skoda Octavia ganz überwiegend als Kombi gekauft.
Großer Wagen. In Deutschland wird der Skoda Octavia ganz überwiegend als Kombi gekauft.Foto: Skoda

Die Überarbeitung sei „viel mehr als ein Facelift“ gewesen, versichern die Skoda-Leute, aber das Lifting fällt am meisten auf. Denn der Octavia guckt neuerdings vieräugig in die Welt wie eine (kurze) Zeitlang die Mercedes-E-Klasse. Im Unterschied zu der war er 2016 allerdings der meistverkaufte Kombi in Europa, was auch an den Preisen liegen dürfte: Bei 18.150 Euro geht’s los. Dafür sind aber weder Klimaanlage noch Parkpiepser an Bord, sodass man dann doch schwer unter 20.000 bleibt. Mit dem Frontradar mit City-Notbremse ist man dann drüber. Und will man auch sämtliche Rangier-, Spurhalte-, Spurwechsel-, Kolonnenverkehrs- und Tote-Winkel-Assistenten, sind allein dafür mehr als 3000 Euro fällig. Wobei man sagen muss, dass die Gehilfen bis auf den erwähnten Patzer alle sauber funktioniert haben. Automatik, elektrische Heckklappe, LED-Licht, Navi und das Panoramadach sind aber auch schön, sodass man schnell jenseits von 30.000 Euro landet. Trost: Bei anderen Autos dieser Größe geht’s da erst los.

Kein Hybrid, aber Erdgasantrieb im Angebot

Spannend ist die Frage nach dem richtigen Motor. Resümee nach Testfahrten mit vier Varianten: Das absolut ruckfreie automatische Doppelschaltgetriebe lohnt in jedem Fall. Es ist auch für den kleinen Dreizylinder mit 115 PS zu bekommen, der den knapp 1,3 Tonnen schweren Kombi erstaunlich locker und leise durch die Landschaft scheucht und mit gut sechs Litern auskommt. Beim 1,8 Liter-TSI mit 180 PS ist das ohnehin klar, aber der schluckt bei halbwegs flotter Fahrweise ehr acht Liter. Die Diesel kommen mit etwa zwei Liter weniger aus, aber wer weiß, wie lange die noch in die Innenstädte dürfen. Und der 150-PS-TDI hat bei schnellen Zwischensprints schon fast etwas Vulgäres: Auf kurze Bedenkzeit des Getriebes folgt ein röhrender Sprung nach vorn, der spürbar an der Mechanik zerrt. Das Kontrastprogramm gibt’s im 1,4 TGI mit 110 PS und Erdgasantrieb (plus Benzin-Reserve). Der läuft bei locker ausreichender Kraft ganz besonders ruhig, muss wohl auch künftig keine Umweltzone fürchten und ist – auch weil kein Hybrid im Angebot ist – die sauberste Variante, Octavia zu fahren.

Koffer und Kratzer. Der Kofferraum ist riesig und und eben. Aber die Stoßstange kann leicht Schrammen bekommen.
Koffer und Kratzer. Der Kofferraum ist riesig und und eben. Aber die Stoßstange kann leicht Schrammen bekommen.Foto: Skoda

Da sich das Auto keine große Schwäche leistet, sollen die kleinen hier zumindest erwähnt werden: Der graue Tacho wäre in schwarz-weiß viel besser ablesbar. Einn Kratzschutz auf der hinteren Stoßstange würde sich beim Lademeister Octavia sehr lohnen, die Lenkung könnte beim Rangieren einen Tick leichter gehen, und die Fensterhebertasten rechts und hinten sind arg fummelig. Und an den märchenhaften Normverbräuchen sieht man eben, dass auch dieser Musterknabe nur ein Auto ist wie andere auch.

Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken. 

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