Volker Schlöndorff und der Jaguar von Max Frisch : Wenn die Raubkatze wieder schnurrt

Es ist ein historisches Stück Blech: Volker Schlöndorffs Jaguar 420 aus dem Jahr 1967. Geschenkt wurde er ihm von seinem Erstbesitzer, Max Frisch - als Dank.

„...immerhin fahre ich einen JAGUAR 420“. Seine Limousine hatte Max Frisch auch literarisch verewigt, so in seiner berühmten Erzählung „Montauk“.
„...immerhin fahre ich einen JAGUAR 420“. Seine Limousine hatte Max Frisch auch literarisch verewigt, so in seiner berühmten...Foto: Georg Moritz

Den Tüv-Bericht muss er noch der Polizei schicken, sie besteht darauf. Ist nun mal so, wenn man die Frist versehentlich um sechs Monate überzogen hat und erwischt wurde, da reagieren die Beamten streng, selbst bei so einem schönen alten Jaguar. Der überfällige Werkstattbesuch hat sich ja auch gelohnt: „Stoßdämpfer, Lenkgestänge, Achsschenkelbolzen neu – alles, was seit 20 Jahren nicht mehr gemacht wurde“, berichtet Volker Schlöndorff. Probleme mit Ersatzteilen? Keine, sogar eine neue Heckscheibe war noch zu bekommen.

Erst am Vormittag hat er den Oldtimer von seinem Schrauber aus Spandau abgeholt, 2500 Euro hat ihn der Spaß gekostet. Aber selbst die vertrackte Hupe, die immer loslärmte, wenn er das Lenkrad stark nach rechts einschlug, funktioniert wieder tadellos, dank langwieriger Tüftelei. Ihr Kabel läuft durch die Lenksäule, in einem innen gefütterten Rohr. Die Isolierung war offenbar im Laufe der Jahrzehnte marode geworden, so hat der Mechaniker es Schlöndorff erklärt. Irgendwo bekam das Kabel beim Lenken Kontakt zu Metall – und es hupte. Eine nervige Kleinigkeit. Bei einem fast 50 Jahre alten Auto muss man damit rechnen.

Das steht jetzt draußen vor dem Landhaus des Regisseurs in Potsdam-Griebnitzsee, bereit zur Besichtigung, leider im leichten Regen, der sich in dicken Wasserperlen auf dem silbergrau glänzenden Lack sammelt. Ein Jaguar 420 Saloon, Baujahr 1967, Hubraum 4,2 Liter, verteilt auf sechs Zylinder. „Acht wären mir lieber“, bekennt Schlöndorff, „aber Frisch hat es sich so ausgesucht.“

Max Frisch, der Erstbesitzer. Der im November 1990, wenige Monate vor seinem Krebstod, als Dank für die Verfilmung seines Romans „Homo faber“ durch Schlöndorff diesem in Zürich die Wagenschlüssel mit den Worten überreichte: „Der gehört jetzt dir. Da, wo ich hingehe, brauche ich ihn nicht mehr. Er eignet sich besonders gut zum Vorfahren bei Hotels. Da gibt es immer noch ein Zimmer …“

Volker Schlöndorffs Jaguar 420
„...immerhin fahre ich einen JAGUAR 420“. Seine Limousine hatte Max Frisch auch literarisch verewigt, so in seiner berühmten Erzählung „Montauk“.Weitere Bilder anzeigen
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21.04.2014 20:06„...immerhin fahre ich einen JAGUAR 420“. Seine Limousine hatte Max Frisch auch literarisch verewigt, so in seiner berühmten...

Der Regisseur hat die Szene in seiner 2008 erschienenen Autobiografie „Licht, Schatten und Bewegung“ beschrieben, auch ist Frischs Jaguar gelegentlich in Schlöndorff-Porträts durch die Gazetten gebrummt. Kürzlich aber wurde ihm von seinem Urbesitzer sogar ein kleines literarisches Denkmal gesetzt, das historische Blech sozusagen dichterisch veredelt, posthum aus dem Nachlass. Die von Frisch verfügte Sperrfrist für sein „Berliner Journal“, eröffnet 1973 mit dem Einzug in der Sarrazinstraße 8 in Berlin-Friedenau und geführt bis 1980, war ausgelaufen, und so veröffentlichte der Suhrkamp-Verlag Anfang dieses Jahres den die beiden ersten Jahre umfassenden Band „Aus dem Berliner Journal“.

Er schließt eng an Frischs berühmte Tagebücher an, der Jaguar taucht darin zwei Mal auf: „Keine Ahnung, wo mein Wagen steht, nirgends zu finden, Landschaft bei Zürich, ich schäme mich zu sagen, dass es ein Jaguar gewesen ist.“ Ein Traumauto im wahrsten Sinne des Wortes, das seinen Besitzer bis in den Schlaf verfolgt: „Ich habe schon öfter geträumt, dass der JAGUAR (Anschaffungspreis: 31.000 Franken) gestohlen worden ist, noch nie geträumt, dass etwa die Schreibmaschine gestohlen worden ist. Dabei wäre ich ohne Schreibmaschine in einer wirklichen Verlegenheit.“

Für Frisch-Leser ist der Jaguar des „Journals“ ein alter Bekannter. Er tauchte bereits 1975 in der autobiografisch grundierten Erzählung „Montauk“ auf, deren Verfilmung Schlöndorff seit einiger Zeit vorbereitet und für die Frisch sich wiederholt aus Motiven der Berliner Tagebuchaufzeichnungen bedient hatte: „Nur in Träumen kommt es vor, dass ich den Wagen nicht mehr finden kann“, bekennt der Erzähler Max, Alter Ego des Autors, und räsoniert später über die durch Geld sich ändernde Beziehung zwischen den wirklich, seit Generationen Reichen und den nur Wohlhabenden wie ihm, dem erfolgreichem Schriftsteller: „Natürlich bin ich in ihren Augen nicht reich, immerhin fahre ich einen JAGUAR 420, und das bringt uns näher, so vermuten sie“.

Abschied vom Auto. Die Übergabe des Jaguar von Frisch (re.) an Schlöndorff, Zürich 1990.
Abschied vom Auto. Die Übergabe des Jaguar von Frisch (re.) an Schlöndorff, Zürich 1990.Foto: DIF / Sammlung Volker Schlöndorff

Der Jaguar sei ein Statussymbol, so hatte es Frisch scherzhaft schon gegenüber dem Publizisten Heinz Ludwig Arnold zugegeben, der bei ihrer ersten Begegnung 1974 in Zürich, als Frisch und seine damalige Frau Marianne mit dem Jaguar vorfuhren, allzu überrascht geguckt haben muss: „Ich brachte in meiner Vorstellung den Autor Max Frisch mit einem Jaguar nicht in Verbindung“, beschrieb Arnold das Treffen. „Er musste meine Verwunderung gemerkt haben, denn er begann zu grinsen und meinte mit Blick auf den Wagen: ,Die Insignie des Zürcher Großbürgers – leider sehr reparaturanfällig.‘“

Eine Kritik an der altbritischen Technik, der Schlöndorff sich nicht anschließen möchte: „Ich hatte nie damit Probleme.“ Früher sei er mit dem Jaguar sogar mehrfach nach Italien und dort teilweise „über verheerende Feldwege“ gefahren, doch statt an Pannen, Stillstand, Abschleppdienste erinnert er sich an eine Fahrt mit Familie über den Arno in Florenz, bei der seine 1992 geborene Tochter Elena zum ersten Mal gelacht habe. Beim Umzug damals von München nach Potsdam, als neuer Geschäftsführer von Studio Babelsberg, war Frischs Wagen ebenfalls dabei: „Vorneweg der Möbelwagen, dahinter wir im Jaguar.“ Und auch die Fahrt zum Deutschen Literaturarchiv in Marbach, um dort über Frisch zu recherchieren, ist ihm im Gedächtnis geblieben: „Die hätten den Wagen am liebsten dabehalten.“

Klar, dass Schlöndorff im Laufe der Jahre einiges investieren musste: Motor, Schaltgetriebe überholen, durchgerostetes Blech ersetzen, rundherum die unteren 20 Zentimeter, zwei Lackierungen, auch die Speichenfelgen mussten ausgetauscht werden. „Zeitbedingter Verschleiß. Ansonsten ist alles original, auch die Ledersitze.“ Die zeigen deutliche Gebrauchsspuren, Schlöndorff hatte schon mit dem Gedanken gespielt, sie neu beziehen zu lassen, ihn aber fallen lassen. Lieber original und authentisch als neu und ohne Geschichte.

Ein CD-Autoradio, na gut, das ist sein Zugeständnis an eigene Bedürfnisse. Frisch hatte gar keins, konnte ihm aber sämtliche Reparaturrechnungen aushändigen, als Beweis, wie gut der Wagen gepflegt sei. Und er hat Schlöndorff auch erzählt, wieso er sich 1967 ausgerechnet einen Jaguar zulegte, ein doch erheblicher Sprung für einen Autofahrer, der erst acht Jahre zuvor, mit 48, den Führerschein gemacht und als ersten Wagen einen VW erworben hatte – jedenfalls berichtet Erzähler Max alias Frisch es so in „Montauk“: Schon Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld fuhr solch einen Jaguar 420, weiß Schlöndorff. Frisch habe ihn damit mal gesehen und das „schicke Auto“ gelobt. „Den kannst du dir allemal leisten“, habe Unseld entgegnet, das habe Frisch dann eben getan.

Schlöndorffs eigene Laufbahn als Autobesitzer begann für 400 Mark mit einem Renault 4CV. Für das Honorar zu seinem ersten Spielfilm „Der junge Törless“ war 1967, als Frisch sich den 420er kaufte, schon ein gebrauchter Mercedes drin, den er 1974 gegen seinen ersten Jaguar eintauschte – gebraucht, so hat er es bei Autokäufen fast immer gehalten. Warum Jaguar? Bei ihm, bekennt Schlöndorff, lag das an Françoise Sagan, der französischen Schriftstellerin, für die er, ein „pubertärer Jüngling“, so schwärmte, und die fuhr eben Jaguar. Er weiß noch, wie auch er um ihr Leben bangte, als sie 1957, wenngleich nicht im Jaguar, schwer verunglückte. Eine Schwärmerei also, die sich von der Autofahrerin auf die Marke übertrug, zumal er damals in den Sechzigern, erzählt Schlöndorff, in Frankreich gelebt und der Jaguar dort als „das Auto überhaupt“ gegolten habe, gerade unter Filmleuten. Er blieb dann bei der Marke, kaufte in den siebziger und achtziger Jahren, „was gerade so rauskam“. Oft erwies es sich nun wirklich als „sehr reparaturanfällig“.

„Der Wagen fuhr sich wie ein Panzer, bis er mal auf Touren kam, dann wie eine Super Constellation“ – so beschreibt Schlöndorff das Fahrgefühl.
„Der Wagen fuhr sich wie ein Panzer, bis er mal auf Touren kam, dann wie eine Super Constellation“ – so beschreibt Schlöndorff das...Foto: Georg Moritz

Frisch muss von diesem Faible gewusst und daher in Schlöndorff den richtigen Erben seines automobilen Nachlasses gesehen haben, zumal sie sich, wie der Regisseur sagt, in den drei Jahren der gemeinsamen Arbeit an der „Homo faber“-Verfilmung „sehr nahe gekommen“ seien. Eines Abends, nach langem Feilen am Dialog der deutschen Fassung, bot Frisch dem Regisseur das Du an, besiegelt wurde es mit Champagner. Am nächsten Morgen führte er ihn in die Tiefgarage, überreichte den Autoschlüssel.

Aber nach so vielen Erinnerungen ist es dringend Zeit, den Motor zu starten und den Wagen für die Fotos in eine günstigere Position zu lenken. Ein Dreh mit dem Zündschlüssel – der Anhänger übrigens ein Geschenk von Kollege Werner Herzog –, und ein dumpfes, sattes Blubbern wird laut. Es klingt gut, solide, voller Kraft, wenn auch nicht nach Raubtier. „Der Wagen fuhr sich wie ein Panzer, bis er mal auf Touren kam, dann wie eine Super Constellation“, hat Schlöndorff in seiner Autobiografie die erste Fahrt im Jaguar beschrieben. Sie führte ihn bei Schneetreiben aber nicht nach München, wie Frisch glaubte, den er bei der Ankunft gleich anrufen sollte. Ziel war vielmehr Lausanne, zur damaligen Freundin Ute Lemper, die dort einen Auftritt hatte. Nun, jeder hat seine kleinen Geheimnisse.

An die ambivalente Fahrkultur seines Jaguars hat Schlöndorff sich längst gewöhnt. „Um die 200 schafft er schon, aber man muss ihn mit britischem Phlegma fahren, nicht so hochtourig“, weiß er, „es ist ja so viel Hubraum zu bewältigen.“ Die moderate Fahrweise empfiehlt sich ohnehin wegen des hohen Verbrauchs: 25 Liter Super im Stadtverkehr, dazu pro Tankfüllung mindestens einen halben Liter Öl nachkippen – „eine Dreckschleuder“, aber eine, mit der Schlöndorff, der kein weiteres Auto besitzt und es scherzhaft „mein Nutzfahrzeug“ nennt, kaum noch lange Stecken fährt: „Prenzlauer Berg ist schon eine Reise.“

Aber wenn schon ökologisch mit dem Oldtimer kein Staat zu machen ist, zudem Schlöndorff „kein übermäßiges Interesse an Autos“ hat und weiß, dass er ihn eigentlich besser pflegen müsste – einen Blick für die Schönheiten des Jaguars hat er doch, fängt, einmal in Fahrt, an zu schwärmen von dem ungehinderten, weil kopfstützenfreien Rundumblick, auch davon, dass an dem Wagen noch „alles Handarbeit“ sei. Da nimmt er die kleinen Unbequemlichkeiten gern in Kauf, den nicht vorgesehenen zweiten Außenspiegel, die etwas schwächlichen Scheibenwischer, die nicht mehr reparable Uhr, erfreut sich lieber an hübschen kleinen Details wie den Ausstellfenstern vorn und hinten. Durchaus nützliche Details, das Fensterchen hinten rechts, das nicht mehr fest schließt, zeugt davon: Drei Mal schon hat Schlöndorff sich aus dem Jaguar ausgesperrt, drei Mal hat er sich selbst geholfen und wird es bei Bedarf wieder tun – Schraubenzieher genügt.

DAS AUTO

Der Jaguar 420 (nicht zu verwechseln mit dem größeren 420 G) wurde von 1966 bis 1968 in etwa 9800 Exemplaren gebaut. Es war eine viertürige, sportlich ausgelegte Limousine, ausgeliefert mit einem Sechs-Zylinder-Motor. Bei einem Hubraum von 4,2 Litern und einer Leistung von 183 kW (knapp 250 PS) erlaubte er Spitzengeschwindigkeiten von etwa 200 km/h. Für einen gut erhaltenen Jaguar 420 muss man zwischen 25 000 und 30 000 Euro zahlen – so die Einschätzung von Bernd Riedel, Sektionsleiter Berlin-Brandenburg der Jaguar Association Germany e. V.

DIE BÜCHER
Max Frisch hat seinen Jaguar 420 in folgenden im Suhrkamp-Verlag Berlin erschienenen Büchern erwähnt: „Montauk. Eine Erzählung“ (Erstveröffentlichung 1975, 8 Euro); „Aus dem Berliner Journal“ (1973, Erstveröffentlichung 2014, 20 Euro). Die Arbeit an der Verfilmung von Frischs Roman „Homo faber“ und die Übergabe des Jaguar schildert Volker Schlöndorff in seiner Autobiografie „Licht, Schatten und Bewegung. Mein Leben und meine Filme“ (Hanser-Verlag, München, 24,90 Euro).

DER FILM

Schlöndorffs Film „Homo Faber“, nach Max Frischs Roman von 1957, kam 1991 in die Kinos und errang im selben Jahr beim Deutschen Filmpreis das Filmband in Silber. In den Hauptrollen spielten Sam Shepard, July Delpy und Barbara Sukowa. Derzeit bereitet Schlöndorff eine „Montauk“-Verfilmung vor.

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