Volvo XC60 : Thor zeigt der Konkurrenz den Hammer

Volvo macht mit dem eleganten und stadtgeeigneten Mittelklasse-SUV XC60 vor, dass es auf die inneren Werte ankommt – vor allem bei der Sicherheit.

Steile Front und LED-Leuchten in charakteristischer Thors-Hammer-Form
Steile Front und LED-Leuchten in charakteristischer Thors-Hammer-FormFoto: Promo

 

Allein für diese kleine Fußbewegung kann man dankbar sein. Wer mit dem Wochenendeinkauf für die ganze Familie schwer bepackt zum Auto wankt, freut sich, wenn sich nach der seitlichen Bewegung des Fußes unter dem Stoßdämpfer die Heckklappe öffnet. Nein, der Volvo XC60 ist nicht das einzige Modell mit solch praktischer Hilfe, das  haben auch andre Marken im Programm, aber es verdeutlicht wie viele andere Details, dass an sich bei den schwedischen Autobauern Gedanken macht, wie das Leben einfacher gemacht werden kann. Schließlich hat man es ja schon schwer genug, wenn man sich mit einem SUV in die Stadt wagt, vor allem im daueraufgeregten Berlin. Ein Paradoxon. Da sind die hochbeinigen SUV in der Bundesrepublik das mit Abstand beliebteste Marktsegment, und nahezu jeder zweite Neuwagen hierzulande ist ein SUV, was ja durchaus wohlüberlegte Gründe hat. Dennoch scheint, als werde SUV-Fahrern ihre Wahl kollektiv übel genommen. Nach der Flugscham kommt in Berlin inzwischen die SUV-Scham - wer so was fährt, gilt mindestens als rücksichtsloser Rüpel-Rowdy und Klima-Zerstörer.

 

Hochbeinig und nur echt mit den großen Rückleuchten
Hochbeinig und nur echt mit den großen RückleuchtenFoto: Promo

World Car of the Year

Das muss man wohl aushalten. Die pfiffigen Volvo-Designer haben beim XC60 auch viel dafür getan, damit die Nutzer zufrieden sind. Schließlich wird man nicht so leicht zum „World Car of the Year“ gewählt, wie es 2018 der XC60 geschafft hat, ohne das im und unter dem Blechkleid eine Menge gute Ideen und ausgezeichnete Qualität steckt. Immerhin gibt es auch Konkurrenten, die ebenfalls hochwertige Autos entwickeln können. Doch Volvo mit den chinesischen Eignern im Hintergrund, die den Designern und Ingenieure alle Freiheiten lassen, hat es geschafft, mit dem Generationswechsel beim mittelgroßen SUV noch erfolgreicher zu sein. Immerhin war der XC60 auch zuvor der in Europa meistverkaufte Mittelklasse-SUV im Premium-Segment, der weltweit über eine Million Mal gekauft wurde.

 

Stadtverträglich und elegant

Anders als der große Bruder, der zu wuchtig daherkommende XC90, ist der XC60 ein stadtverträglicher und ziemlich eleganter Wagen für all jene, die sowohl ein praktisches wie auch komfortables Auto haben wollen, das den Fahrer*innen viel Übersicht und ein gutes Sicherheitsgefühl für die ganze Familie durch das üppige Angebot an Fahrerassistenzsystemen bietet. Er besticht daneben mit einer gelungenen Karosserie. Vorne trägt die langgestreckte, fast waagerechte Motorhaube und die markanten LED-Scheinwerfer im „Thors Hammer“-Design neben dem senkrecht stehenden Grill zu einem kraftvollen Auftritt bei, während das Heck vor allem von den markant hochragenden Schlussleuchten neben der großen Klappe geprägt wird. Die wuchtigen 20-Zoll Räder, die unübersehbar die Geländetauglichkeit betonen, stehen im leichter Spannung zu den fast filigranen Fenster-Reihe.

 

Exzellente Sitze und viel Platz auch auf der Rückbank.
Exzellente Sitze und viel Platz auch auf der Rückbank.Foto: Promo

Noch geht es nicht ohne Diesel

Diesel hat bei Volvo keine Zukunft, haben die Manager schon 2017 angekündigt, obwohl das Unternehmen vom Diesel-Skandal nicht betroffen war. Bei der brandneuen Volvo-Limousine S60 wird überhaupt kein Diesel mehr angeboten. Der XC60 aber ist noch mit drei Benzin-Motoren und drei Dieseln zu haben – allesamt Vierzylinder mit jeweils zwei Liter Hubraum. Einstiegsmodell bei den Dieseln ist der D3 mit 150 PS, dazu kommt der D4 mit 190 PS. Beim B5 AWD mit permanentem Allradantrieb und einem kraftstoff-sparenden Mild-Hybrid-System bringt der Diesel 235 PS auf die Straße. Wer hauptsächlich in der Stadt fährt und nur an den Wochenenden aufs Land, dem sollte die kleinere Motor wohl ausreichen. Der D5-Antrieb im gefahrenen Testwagen besticht freilich mit einer kultivierten Laufruhe, bei der sich der Diesel nur beim Beschleunigen aus den unteren Gängen als solcher akustisch zu erkennen gibt. Daneben sind noch drei aufgeladene Benzin-Direkteinspritzer zwischen 190 und 310 PS im Angebot. Alle Antriebe erfüllen die Abgasnorm Euro 6d-TEMP, bei der die Verbrauchs- und Emissionswerte im realen Fahrbetrieb und nicht mehr auf dem Prüfstand gemessen werden. Eine herausragende Rolle übernimmt aber zweifellos der XC60 Plug-in-Hybrid T8 Twin Engine, der im Modelljahr 2020 nun bis zu 51 Kilometer rein elektrisch und emissionsfrei fährt – ideal für all jene Menschen, die im Umland wohnen und täglich zum Arbeiten in die Stadt fahren. Je nach Motor ist der XC60 mit Front- oder Allradantrieb und einem Sechsgang-Schaltgetriebe oder wie im von uns gefahrenen B5 Mild Hybrid AWD Inscription mit einer butterweich schaltenden Achtgang-Automatik ausgerüstet.

 

Das Mild-Hybrid-System im von uns gefahrenen B5 AWD, das den Verbrennungsmotor unterstützt, soll den Verbrauch um bis zu 15 Prozent senken. Im realen Stadtverkehr war davon wenig zu spüren. Von Volvo wird ein innerstädtischer Verbrauch von 6,8 Liter angegeben – wir kamen auf acht Liter. Berücksichtigen muss man dabei freilich, dass wir statt des Eco-Fahrmodus, der uns ein wenig zu behäbig daherkam, lieber ständig im Dynamic-??-Modus fuhren, was das Fahrvergnügen durch eine knackigere Schaltung, direktere Lenkung und straffere Fahrwerk-Parameter erhöht. Dabei zeigte sich der von uns getestete XC60 mit seinem (serienmäßigen) Allradantrieb und einer (optionalen) adaptiven Luftfederung bei kurviger Strecke trotz seiner vollbeladen 2,5 Tonnen Gewicht in bester Form und steckte jede Bodenwelle locker weg. Wer die sportliche R-Design-Variante wählt, erhält serienmäßig ein Sportfahrwerk.

 

Klares Design zum Wohlfühlen - nur die Mittelkonsole ist zu mächtig geraten.
Klares Design zum Wohlfühlen - nur die Mittelkonsole ist zu mächtig geraten.Foto: Promo

Mit Sicherheit ganz vorne

Bei der Fahrsicherheit zeigen die Schweden, die 1959 den Sicherheitsgurt erfunden haben, dass sie diesem Ruf gerecht werden. Immerhin hat der Konzern die Selbstverpflichtung ausgegeben, dass ab 2020 kein Mensch mehr in einem neuen Volvo bei einem Unfall getötet oder schwer verletzt werden soll. Entsprechend üppig ist das serienmäßige Sicherheitspaket – die Konkurrenz kommt da nicht mit. Zur Serienausstattung gehört das City Safety System zur Kollisionsvermeidung einschließlich Fußgänger-, Radler- oder Tiererkennung sowie ein Kreuzungsbremsassistent mit automatischem Lenkeingriff und Ausweichmanöver bei drohender Kollision mit einem entgegenkommenden Fahrzeug, eine „Oncoming Lane Mitigation“, die beim Abkommen von der Spur gegensteuert, sowie ein automatischer Lenkeingriff beim drohenden Abkommen von der Straße und die automatische Verkehrszeichenerkennung.

 

Notfalls bremst er auch alleine

Neu ist auch der serienmäßige „Slippery Road Alert“, der cloud-basiert in einem Info-Austausch mit anderen Fahrzeugen den Fahrer vorausschauend auf mögliche Gefahren und rutschige Straßenabschnitte aufmerksam macht. Optional gibt es weitere Systeme wie den Rückwärtsfahr-Assistenten, der notfalls bis zum Stillstand bremst, falls andere Verkehrsteilnehmer übersehen werden.

Welch großes Maß an zusätzlicher Sicherheit schon die serienmäßigen Assistenzsysteme bedeuten, zeigte sich bei den Testfahrten im Berliner Stadtverkehr. Mit eingeschalteter Erkennung der jeweils geltenden Geschwindigkeit und der automatischem Abstandsregelung bremste der Testwagen notfalls bis zum Stillstand und beschleunigte dann auch wieder selbsttätig. Auf der Stadtautobahn warnt das System zugleich mit einem Ruckeln am Lenkrad vor dem unbeabsichtigten Verlassen der Fahrspur. Auch wenn der Fahrer mit voller Aufmerksamkeit unterwegs sein sollte, ist es gut zu wissen, dass es notfalls eine zweite Sicherheitsebene gibt. 

 

Große Klappe und bis zu 1410 Liter Stauraum dahinter.
Große Klappe und bis zu 1410 Liter Stauraum dahinter.Foto: Promo

Ein Glasdach bis zur Rückbank

Schön wäre es, wenn auch das – bislang – optionale „Blind Spot System“ serienmäßig wäre, dass den Fahrer optisch auf andere Verkehrsteilnehmer im toten Winkel aufmerksam macht und notfalls mit Lenkeingriff Gefahrenmomente beim unbedachten Spurwechsel entschärft.  Zu empfehlen ist auch das optionale Head-up-display, das gerade im dichten Stadtverkehr die Konzentration der Fahrer*innen erleichtert, weil es an der Frontscheibe die aktuellen Verkehrszeichen und die eigene Geschwindigkeit ins Blickfeld spiegelt. Leider ist das Head-up-Display nur im Xenium-Paket erhältlich – mit Klimaautomatik sowie Panorama-Glasschiebedach – für zusätzliche 2550 Euro. Wobei: Das große Glasdach, das von vorne bis hinter die Rückbank reicht, ist ganz großartig und gibt den Insassen fast ein echtes Cabrio-Gefühl.

 

Edel, klar und hochwertig

Der Innenraum zeichnet sich durch klares skandinavisches Design, hochwertige Verarbeitung und edle Materialien aus. Das beginnt bei den Sitzen mit hervorragenden Komfort und Rückenunterstützung und geht bis zur Instrumentierung mit dem hochkant stehenden großen Touchscreen für alle Fahrzeug- und Infotainment-funktionen über der Mittelkonsole. Das Ergebnis ist ein äußerst angenehmes Fahrgefühl in einem gut lärmgedämmten Innenraum. Die tablet-artige zentrale Steuerungseinheit ist so klar strukturiert, dass alle Funktionen nach kurzer Eingewöhnung mühelos bedienbar sind. Hinzu kommt das großzügige Raumangebot, das auch auf der Rückbank sehr großen Menschen noch ausreichend Bein- und Kopffreiheit bietet. Der Kofferraum, bei SUVs eher eine Schwäche, bietet beim XC60 bei umgeklappter Rückbank 1410 Liter Stauraum – das reicht auch für sperrige Transporte. Ein wenig zu massiv ist lediglich die Mittelkonsole ausgefallen; ein Abschiedskuss für die Liebste über den Mitteltunnel hinweg wird da fast zur Turnübung. Ein Kleinwagen ist der XC60 mit seinen 4,65 Meter Länge und 2,12 Meter Breite bei ausgeklappten Rückspiegeln sicher nicht. Auch am relativ großen Wendekreis merkt man, dass der XC60 kein ausgesprochener City-Flitzer ist. Trotzdem ist man mit dem XC60 auch im engen Stadtverkehr souverän unterwegs. Als ausgesprochen praktisch erwies sich freilich die Rückfahrkamera, mit der auch enge Parklücken gut zu meistern sind.

 

Kommandozentrale: Nach kurzer Gewöhnung lassen sich die Funktionen über den Touchscreen intuitiv steuern.
Kommandozentrale: Nach kurzer Gewöhnung lassen sich die Funktionen über den Touchscreen intuitiv steuern.Foto: Promo

Billig ist das nicht

Natürlich hat so viel Premium-Qualität seinen Preis. Der von uns gefahrene XC60 B5 Mild Hybrid AWD mit der Inscription-Ausstattungslinie kostet in der Basisausstattung 61 650 Euro. Mit der im Wagen verbauten optionalen Sonderausstattung unter anderem mit zusätzlichen Sicherheits-Assistenten, einem hochwertigen Sound-System von Browers&Wilkens oder einem Parkassistenz-Paket kommt man auf stolze 82 800 Euro. Zum Vergleich: In der preiswertesten Basisausstattung ist ein XC60 schon ab 42 600 Euro zu haben. Es gibt aber mit Care by Volvo ein durchaus interessantes Angebot, bei dem es den XC60 für einen monatlichen Fixpreis von 669 Euro gibt – ohne Anzahlung oder Schlussrate, dafür inklusive Versicherung für alle Fahrer, Wartung, Steuern und sonstiger Nebenkosten, und jederzeit kündbar.

 

Carsharing gilt als Verkehrskonzept der Zukunft, in Berlin wächst das Angebot rasant. Die einen macht die neue Ich-Mobilität glücklich, andere reich, manche wütend. Begegnungen mit Pionieren und Kritikern - und eine Datenanalyse mit vielen interaktiven Grafiken. 

Mehrfahrgelegenheit – 
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