Der Tagesspiegel : Neues vom Säzzer

Schriftkunst trifft neue Technologie: Bärbel Bold und Ingo Italic betreiben den Kreuzberger Showroom „Letters Are My Friends“.

Felix Zwinzscher
Das Typografie-Labor
Das Typografie-Labor

Auf die Frage, wie eine neue Schriftart entsteht, gibt es mindestens zwei Antworten. Erstens: Man setzt sich ein paar Monate an den Schreibtisch, zeichnet jedes typografische Detail per Hand und bekommt einen krummen Rücken. Zweitens, und das ist die spannendere Methode: Man ruft Menschen aus aller Welt dazu auf, die Laufschuhe zu schnüren, zum Smartphone zu greifen und lässt sie damit auf den Straßen ihrer Stadt Buchstabenformen rennen. Die App „FigureRunning“ zeichnet die so gelaufenen Figuren mittels GPS-Daten auf einer digitalen Karte im Internet nach und speichert sie in einem Archiv ab. Ein bisschen Kondition wird allerdings vorausgesetzt, denn die Strecke sollte groß genug sein, um von einem Satelliten erfasst zu werden. Die Größe der Buchstaben ist dann lediglich durch die Akkulaufzeit des Telefons und die eigene Ausdauer begrenzt. Im Anschluss wählt man die schönsten Buchstaben aus, und schon hat man eine Schrift, hinter der neben jeder Menge Schweiß auch Geschichten stehen.

Bärbel Bold und Ingo Italic haben mit ihrem Projekt „Sweaty Feet“ so die erste GPS-generierte Schrift geschaffen. „Das ist nicht immer alles so ernst gemeint. Wichtig ist der Spaß dabei. Uns interessieren Konzepte und die Geschichten hinter einem Projekt mehr als die perfekte Umsetzung“, sagt Bärbel Bold, die eigentlich Nina Juric heißt. Zusammen mit Philipp „Ingo Italic“ Rahlenbeck hat sie „Letters Are My Friends“ (LAMF) ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine Mischung aus Showroom, Designstudio und interdisziplinärem Versuchslabor für Typografie in der Kreuzberger Boppstraße. Für die gelernte Motion-Designerin und den Software-Entwickler ist LAMF ein Leidenschaftsprojekt. Neben ihren eigentlichen Berufen können sie hier mit Verbindungen aus klassischer Typografie und neuen Technologien experimentieren.

Dabei finden sie immer wieder öffentlichkeitswirksame Zugänge zur Schriftsetzerkunst. Anfang letzten Jahres haben sie Menschen auf den Straßen Stuttgarts gebeten, sich in der Form eines Buchstaben aufzustellen. Ob ein solo vorgeführtes A oder gemeinsames Verbiegen für ein F, jeder Buchstabe wurde zu gelebter Typografie. Aus den Bildern entstand anschließend die Schriftart „LF JaneFonda“. Bold gibt zu, dass derartige Schriften von einem typografischen Standpunkt sicherlich nicht ideal seien, denn sie sind selten gut lesbar oder in allen Parametern ausgefeilt. Doch sie schaffen Aufmerksamkeit und generieren Interaktion.

Typografie ist eine Kunst, die trotz ihrer Omnipräsenz fast unsichtbar wirkt. Von der kleinsten Werbewurfsendung über blinkende Spielkasinoschilder bis hin zu den unendlichen Weiten des Internets – ohne Typografie wäre das alles nichts. Und trotzdem benutzen nur die wenigsten Menschen Schrift bewusst, bedauert Bold. Sie versteht ihre Arbeiten bei LAMF daher nicht zuletzt auch als Aufklärung darüber, was mit Schrift möglich ist.

Aber sie weiß auch: „Typografie ist Startpunkt und kleinster gemeinsamer Nenner für unsere Projekte. Von da aus kann es in verschiedene Richtungen gehen.“ Ihr Concept Store soll dabei nicht einfach ein weiteres Designbüro in der typografischen Hauptstadt Deutschlands sein. In Berlin gebe es so viele Print-, Grafikdesign-, Editorial-Läden, die alle einen super Job machen, so Bold. Bei LAMF versteht man sich nicht als Konkurrenz dazu. Hier soll ausgelotet werden, welche Kooperationen im Spannungsfeld von Typografie und neuen Medien möglich sind und diesen Projekten ein Raum gegeben werden.

Deshalb zeigen sie nicht nur eigene Projekte, sondern bieten auch Künstlern mit ähnlichen Ambitionen einen Raum. In ihrer kleinen Galerie im Eingang des Geschäfts wird momentan die Arbeit „Diggin’ in the Crates“ von Designer und Entwickler Roland Loesslein ausgestellt. Ein Exponat, an dem die Geschichte des Samplings interaktiv sichtbar wird. Die Installation besteht aus einer Informationssäule mit einem eingebauten Schallplattenspieler. Beim Auflegen einer Platte wird nicht nur das entsprechende Lied abgespielt, sondern gleichzeitig eine interaktive Grafik darauf projiziert. Diese zeigt die Tonspur des Originaltitels und einen markierten Ausschnitt, der in einem anderen Lied als Sample genutzt wurde. Durch die Berührung dieses Abschnitts gelangt man zu eben diesem Lied. Loesslein verbindet so Typografie, Klang und haptische Wahrnehmung.

Genau um diese Art von Erlebnis geht es Bold: „Erlebnisse schaffen Erinnerungen. Der physische Raum hier in Kreuzberg ist uns wichtig, um haptische, akustische und visuelle Erlebnisse zu bieten, die im Internet nicht in dieser Intensität gegeben sind.“ Das fängt beim Anfassen von Buchstaben im Laden an und reicht hin bis zu Multi-Touch-Display-Anwendungen im öffentlichen Raum.

„Letters Are My Friends“ bietet interessierten Laien und Fortgeschrittenen die Möglichkeit, mit abstrakten Begriffen wie „Typografie“ und „Neuer Technologie“ plastisch in Kontakt zu treten. Bei Veranstaltungen haben Bold und Italic bereits den typografischen Synthesizer von Rob Meek und Frank Müller vorgestellt, der wirklich alle Sinne anspricht. Oder sie zeigen Licht-Graffitis mit den Künstlern aus dem Graffiti Research Lab. Hier werden soziale Netzwerke noch ganz klassisch geknüpft. Viele Kollaborationsideen entstünden dadurch, dass die Leute direkt in Kontakt zueinander treten, sagt Bold. Nicht zuletzt deshalb ist der Laden als Gegenpol zum Internet zu verstehen. „Der Raum ist praktisch auch die Verortung einer Website. Es ist ein Schritt zurück aus dem digitalen in das analoge Leben“, erklärt Italic.

Dieses analoge Leben zeigt sich schon an der Fassade. Dort entsteht auf dem Tafellack über dem Schaufenster vor jeder neuen Ausstellung der passend entworfene Schriftzug – eine Reminiszenz an die Kunst des Schildermalens. Das hilft vielleicht nicht der corporate identiy, sieht aber hübsch aus. Und wer danach selbst Lust bekommen hat, seinen Kühlschrank zu dekorieren, dem bietet LAMF limitierte, magnetische Buchstabensets mit Schriften internationaler Künstler. Damit kann man dann ganz bewusst seine Umwelt selbst typografisch gestalten.

Letters Are My Friends, Boppstraße 7, täglich geöffnet von 10 - 18 Uhr.

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