Ist der Stoff echt? : Wenn das Drogenkartell plötzlich impft

In Mexiko verteilen Kriminelle Vakzine. Nicht immer ist klar, woher der Stoff kommt – und ob er überhaupt wirkt.

Eine Impfsituation. (Symbolbild)
Eine Impfsituation. (Symbolbild)Foto: REUTERS/Edgard Garrido

Die Cessna 414 kam aus Honduras, der Privatjet sollte reiche Geschäftsmänner in der mexikanischen Karibikstadt Campeche abholen. Einige Tage zuvor hatte es im Zoll von Campeche eine Warnmeldung gegeben: Die Privatflüge von und nach Honduras hätten sprunghaft zugenommen, berichtete die Zeitung „Cronica“.

Einer Zollbeamtin waren Kühlbehälter aufgefallen. Die Besatzung suchte Ausflüchte, wurde so aggressiv, dass die Zöllnerin Sicherheitskräfte rief. Die entdeckten über 5700 Ampullen mit der Aufschrift „Sputnik V“ – dem russischen Corona-Impfstoff, versteckt unter Eiswürfeln und Erfrischungsgtränken.

Der für Impfstoffexporte zuständige russische Fonds erklärte umgehend, die Ampullen seien falsch und stellte Fotos ins Netz, die Unterschiede zwischen Original und sichergestelltem Material zeigten.

Das alles sah nach einem dubiosen Geschäft der Mafia aus. Schon seit Wochen bietet sie in Mexiko im Internet und auf Schmugglermärkten schon seit Wochen gefakte Impfstoffe anbietet. Doch dann nahm die Geschichte eine unverhoffte Wendung. Importeur der Ampullen war einer der reichsten Männer der Region: der pakistanisch-honduranische Geschäftsmann Yusuf Amdani.

Laut Forbes ist er der viertreichste Mann Mittelamerikas und steht einem Immobilien-, Textil-, Tabak-, Landwirtschafts- und Industriekonglomerat vor. Er geriet ins Visier US-amerikanischer Geheimdienste, nachdem er zwei der größten Moscheen Mittelamerikas finanzierte.

Amdani ist mit der Elite verbandelt

In der Textilbranche ist er als Schmuggler und Preisbrecher verrufen. Nachdem Medien ihn als Eigentümer des Jets identifiziert hatten, beteuerte Amdani in einer Stellungnahme, die Impfstoffe seien authentisch. Er habe sie importiert, um Arbeiter seinen Fertigungsfabriken zu impfen. Wie er an den Impfstoff kam, ließ er offen.

In Honduras ist es nicht illegal, sich privat Impfstoff zu besorgen. Geld dafür hat der Multimillionär; die Beziehungen wohl auch. Er gilt als Schattenmann hinter dem honduranischen Präsidenten – dem in den USA Verstrickung in Drogengeschäfte vorgeworfen wird.

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Pandemie live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]  

Amdani ist mit der Elite verbandelt. Dass er mit der Pandemie hadert, ist bekannt: 2020 dokumentierten Medien Verstöße gegen Hygieneauflagen in seinen Fabriken.

Die Besatzungsmitglieder und Passagiere des Flugzeugs mit den Vakzinen – insgesamt sieben Honduraner, Manager sowie Ärzte – wurden von mexikanischen Ermittlern befragt und festgenommen, dann in ein Hotel gebracht statt in eine Zelle. Von dort verschwanden sie spurlos.

Die zuständigen Offiziere erklärten dem Sender „Univision“, das Außenministerium habe sie angewiesen, sie laufen zu lassen. Mexikos Außenminister ist mit einer einflussreichen honduranischen Ex-Diplomatin verheiratet.

Pfizer dementiert, private Geschäfte abgeschlossen zu haben

Kaum war der Fall aufgeflogen, wandten sich mehrere erschreckte Arbeiter von Amdanis Firma in Campeche an die Zeitung „Reforma“. Sie seien Mitte März geimpft worden und hätten ein Papier unterschrieben, die Firma von jeglicher Verantwortung freizustellen.

Davon betroffen sind „Reforma“ zufolge 1000 Arbeiter, die nun beunruhigt sind, was ihnen da gespritzt wurde. Das ist bis dato unbekannt, gesundheitliche Beschwerden traten aber bislang nicht auf. Die mexikanische Pharmaziebehörde äußerte sich noch nicht zum Inhalt der Proben.

Währenddessen wächst in ganz Lateinamerika in der Privatwirtschaft die Unruhe angesichts des schleppenden Impftempos. In Venezuela und Brasilien meldeten bereits Unternehmer Kaufinteresse gegenüber Laboren an. Einige hatten scheinbar Erfolg.

In Brasilien wurde bekannt, dass Transportunternehmer und Politiker privat einige Hundert Dosen des Pfizer-Biontec-Vakzins verimpften. Die Zeitschrift „Piaui“ berichtete, jeden der Begünstigten habe das umgerechnet knapp 90 Euro gekostet. Pfizer dementiert, private Geschäfte abgeschlossen zu haben.

Experten halten es für wahrscheinlich, dass die Dosen aus staatlichen Einkäufen abgezweigt wurden. Mexiko ist einer der korrupteren Staaten. Im Korruptionsindex von Transparency International erreicht Mexiko Platz 124 von 180 Nationen, Brasilien liegt auf Rang 94.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!