Verwirrtheitszustände im Krankenhaus : Wie Senioren Narkose und OP besser überstehen

Marion Hanke, Chefärztin der Klinik für Geriatrie am Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Zehlendorf, weiß, wie man Risiken verringern kann

Nach der Narkose. Bei den über 65-Jährigen trifft es auf der Intensivstation 50 bis 80 Prozent der Patienten. Hier befinden sich Menschen in einem kritischen Zustand, der Körper erlebt einen besonderen Stressmoment.
Nach der Narkose. Bei den über 65-Jährigen trifft es auf der Intensivstation 50 bis 80 Prozent der Patienten. Hier befinden sich...Foto: imago/JOKER

Frau Hanke, Krankenhausaufenthalte setzen manchen Patienten so sehr zu, dass Angehörige sie als stark verändert, ja sogar verwirrt, beschreiben. Wie kann das sein?
Wir sprechen hier von akuten Verwirrtheitszuständen. Akut, weil sie sehr plötzlich auftreten – und meist in Zusammenhang mit dem Krankenhausaufenthalt. Betroffen sind Menschen ab 65 Jahren. Je älter sie sind, umso wahrscheinlicher ist es, in so einen Zustand zu geraten.


Wie genau äußert sich diese Verwirrtheit?
Das ist ein sehr buntes Bild. Manche sind einerseits sehr schläfrig, andererseits geraten sie in einen hyperaktiven Zustand. Sie sind unruhig, laufen suchend umher oder haben Wahnvorstellungen oder Halluzinationen. Das führt dazu, dass manche denken, sie seien hier eingesperrt oder man würde sie vergiften wollen und ihnen eine „Todesspritze" geben. Für Angehörige des betroffenen Patienten ist das ein Schock. Auch bekommen sie von den Patienten Vorwürfe zu hören: Warum nimmst du mich nicht mit nach Hause?


Einige der Symptome ähneln einer Demenz. Woran erkenne ich, dass es sich bei der Veränderung nur um einen akuten Verwirrtheitszustand handelt?
So plötzlich erkrankt man nicht an Demenz. Das ist ein schleichender Prozess. Da vergisst man mal Verabredungen oder den Schlüssel oder Wörter. So ein akuter Verwirrtheitszustand tritt eben ganz unerwartet von heute auf morgen auf. Nicht ausgeschlossen ist aber, dass so ein Zustand langfristig tatsächlich zu einer Demenz führt.

Marion Hanke ist Fachärztin für Innere Medizin, Geriatrie und Palliativmedizin. Seit 2017 ist sie Chefärztin der Klinik für Geriatrie am Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Zehlendorf.
Marion Hanke ist Fachärztin für Innere Medizin, Geriatrie und Palliativmedizin. Seit 2017 ist sie Chefärztin der Klinik für...Foto: promo


Wie kommt es zu einem solchen Verwirrtheitszustand?
Es gibt verschiedene Auslöser. Häufig treten sie in Verbindung mit Operationen beziehungsweise ganz allgemein mit Krankenhausaufenthalten auf. Die Erkrankung und der Ortswechsel stressen den Körper und überfordern ihn. Dazu kommt, dass so eine Operation mit einem hohen Blutverlust verbunden ist. Hin und wieder muss ein Patient auch auf die Intensivstation. Das sind alles Stressmomente, auf die das Gehirn reagiert. Wer lange im Bett liegt, kann außerdem eine Verstopfung bekommen. In einem hohen Alter kann selbst das zum Auslöser werden. Genauso wie eine Infektion infolge einer Operation. Daneben gibt es einige Faktoren, die das Risiko erhöhen, tatsächlich in einen solchen Zustand zu geraten. Schlecht hören und sehen gehört dazu, aber auch Vorerkrankungen und die Einnahme vieler Medikamente. Sie machen Nebenwirkungen, die das Gehirn belasten können, da sie auf bestimmte Botenstoffe im Gehirn einwirken, zum Beispiel auf Acetylcholin. Dadurch können die Patienten schläfrig und verwirrt werden. Auch Patienten, die bereits einen Schlaganfall hatten, sind besonders gefährdet.

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Wie lange hält dieser Zustand an?
Er kann mehrere Tage, aber auch Wochen oder Monate anhalten. Je länger die Verwirrung andauert, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass kognitive Schwächen bleiben, die dann letztlich auch zu einer Pflegebedürftigkeit führen. Andererseits kann es aber auch sein, dass der Zustand nur ein paar Stunden dauert und sich rasch wieder verbessert. Je rascher der Arzt die Ursache findet und entsprechend behandelt, desto besser die Chance, diesen Zustand zu beenden.


Wie viele Patienten sind betroffen?
Bei den über 65-Jährigen trifft es auf der Intensivstation 50 bis 80 Prozent der Patienten. Hier befinden sich Menschen in einem kritischen Zustand, der Körper erlebt einen besonderen Stressmoment. Auch Patienten mit Herzoperationen sind besonders gefährdet. Danach leiden etwa 50 Prozent an Verwirrungszuständen, auf anderen Stationen sind es 15 bis 30 Prozent der betagten Patienten.


Wie gehen Sie und Ihr Team im Krankenhaus damit um?
Wir versuchen die Patienten zu beruhigen und viele Erklärungen zu liefern. Wenn man sie zum Röntgen abholt, dann dürfen sie nicht einfach mitgenommen werden. Man muss ihnen sagen, was jetzt gleich passiert, was wir vorhaben. Am besten ist es, wenn es einen Patientenbegleiter für die Menschen gibt. Wichtig ist es, zu einer Reorientierung beizutragen. Dafür sollten sie aber Brille und Hörgeräte mit ins Krankenhaus bringen. Die vergessen viele oft. Dann funktioniert die Kommunikation leider schlechter. Was Medikamente angeht, so können die Patienten zwar mit Medikamenten behandelt werden, die gegen Psychosen wirken, allerdings erhöhen sie auch die Sturzanfälligkeit. Und die Ursache wird damit ja nicht behoben.


Kann jemand, der einmal so einen Verwirrtheitszustand gezeigt hat, ohne Weiteres wieder zurück in seine häusliche Umgebung?
Bevor man einen Patienten mit solchen Symptomen entlässt, sollte sich sein Zustand deutlich verbessert haben. Restsymptome können aber bleiben, wie Desorientierung oder Unkonzentriertheit, die sich erst nach Monaten langsam zurückbilden. Nicht immer können Patienten dann wieder alleine nach Hause. Manche brauchen Unterstützung von einer Pflegekraft.

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Gibt es Möglichkeiten zur Prävention?
Wer mit 85 Jahren noch gesund ist, kaum Medikamente nimmt, kann sich freuen: Er dürfte weniger anfällig sein für einen solchen Zustand. Wenn eine geplante OP bevorsteht und man weiß, dass es schon einmal im Krankenhaus zu einer solchen Verwirrung gekommen ist, dann sollte man das auf jeden Fall den Ärzten mitteilen. Oft kann es schon helfen, das Narkosemittel etwas geringer zu dosieren. Eine Narkose schwächt nämlich den Körper auch.


Wie lässt sich das Risiko minimieren?
Zusammen mit der Charité starten wir gerade ein Projekt. Besonders gebrechliche Patienten, bei denen eine Operation ansteht, versuchen wir auf diese vorzubereiten und so das Risiko für Komplikationen zu verringern. Wir schauen uns gemeinsam die Organe, die Kognition und die Muskelkraft der Patienten an und versuchen sie dann innerhalb von drei Wochen entsprechend fit zu machen.


Wenn ich noch keine 65 oder älter bin, kann ich präventiv etwas machen, um einem Risiko für einen Verwirrungszustand nach einer Operation im späteren Alter vorzubeugen?
Gut ist, sich viel zu bewegen, das Gleichgewicht zu stärken, das Gehirn fit zu halten und den Geist zu trainieren. Sinnvoll ist es, mal den Einsatz einiger Medikamente zusammen mit dem Hausarzt zu überdenken. Nicht alle sind wirklich notwendig.

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