Politik : … es auf die Nase ankommt

-

Geruch wird total unterschätzt. Nur weil wir sehen, hören, tasten können. Immer das Auge, alles geht bei uns über das Auge, das Auge liest, das Auge sieht, das Auge schaut, und mitessen tut es auch. Dabei, seien wir doch mal ehrlich, wir Sehenden gucken doch meistens nur und sehen wenig.

Aber der Geruch, der ist es doch. Der trägt doch die Erinnerung, oder anders ausgedrückt: Der kürzeste Weg von der Erinnerung zum Herzen geht über die Nase. Wittert das olfaktorische Gedächtnis eine Spur, öffnet sich im Hirn gleich ein ganzer Diakasten von Bildern. Ha, Diakasten, sofort steigt einem der Geruch von öden, furchtbar öden Abenden ins Gedächtnis, an denen Vati per Projektor grausame Urlaubsbilder an die Wand warf. Dieser Projektor stand ansonsten vor sich hinstaubend in der Ecke, und wenn er dann seine Arbeit aufnahm und die Birne glühte, verbrannte dieser Staub, und das ergab dann den Diaabendgeruch. Schrecklich.

Tausende von Gerüchen können wir erkennen und im Gedächtnis behalten, vom Kohlenkellergeruch bis zum Nassewäschespeichergeruch, Schulkreidegeruch, den Geruch der Liebe und, ja auch den irgendwann, den Geruch des Todes. Alles riecht, auch zum Beispiel „Der Tagesspiegel“, sagen wir, der riecht frisch, aufmunternd, intensiv und im Abgang nachhaltig.

Den DDR-Geruch hingegen kennt man als Bohnerwachsgeruch. Modrig- muffig, das ist jetzt gar nicht wertend gemeint, aber so roch nun mal die DDR in ihrem Innersten, weil in allen Häusern, Mietshäusern, Bürobauten der Boden mit Linoleum ausgelegt war, und der wurde mit dem Bohnerwachs geblockert, bis die Schwarte krachte. Die Alternative? Doch, die gab es, war für die meisten zugänglich, ein Ort der Verheißung, zumindest der Ort einer erhöhten Lebensqualität. Eine olfaktorische Sinfonie waberte durch diese Räume, ein Mixtur aus Kaffee, Tabak, Seifen, Waschmittel, Kaugummis, so also roch der Klassenfeind im Intershop. Den Klassenfeindgeruch konnte einatmen, wer den Shop betrat, um, den Geruch des Westgeldes in der Hand, Westwaren zu kaufen. Den anderen, denen ohne Westgeld, blieb der Neid und der Bohnerwachsgeruch.

Und nun hat ein listiger Unternehmer aus Eisenhüttenstadt ein paar findige Nasen angesetzt und von denen den Raumduft „Intershop“ mixen lassen. Es soll den Klassenfeindgeruch bald als Spray, als Kerze und als Duftbaum fürs Auto zu kaufen geben. Es muss nur noch die Namensgebung mit dem nach Verwesung stinkenden Softwarehersteller „Intershop AG“ geklärt werden. Die Frage, warum einer einen Raumduft „Intershop“ kreiert, ist indes leicht beantwortet: Geld stinkt nicht.uem

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben