Politik : … es keine Zweifel in der Eifel gibt

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Die Zeiten, da ein Boris Becker mit seinem fröhlichem Sympathiebekenntnis für die Hausbesetzerszene in der Hamburger Hafenstraße schlichtere Gemüter unter uns noch in Erstaunen versetzen konnte, liegen leider ja schon ein paar Tage zurück. Mittlerweile gehört einfühlsames Crossover auf vielen Gebieten längst zum guten Ton: Leute, von denen man es nicht erwartet hätte, machen sich für Dinge stark, von denen man vorher noch nie etwas gehört hatte. Weil die Zahl der Prominenten nicht eben abgenommen hat und merkwürdigerweise das Gleiche für die Dinge gilt, von denen man bislang nichts gehört hat, ist eine gewisse Unübersichtlichkeit im Crossover-Gewerbe zu registrieren. Setzt sich nun Thomas Gottschalk gegen Klitorisbeschneidungen im Süden Ugandas ein oder war es doch Ottmar Hitzfeld? Sorgt sich Steffi Graf um den gemeinen Schwertfisch? Macht Uschi Glas nicht gerade gegen die Landnahme bolivianischer Großgrundbesitzer mobil?

Bei all dem ist die Hausbesetzerszene ein wenig aus dem Blickwinkel geraten – leichtes Achselzucken begleitet die letzten Kämpfer für ein Recht auf freie Wände. Und so ist es nicht verwunderlich, dass offenbar niemand Prominentes einem 42-jährigen polnischen Geistlichen beispringen will, der nun schon, ja, so muss man es wohl sagen, seit einigen Monaten das Pfarrhaus der Gemeinde Schönecken in Rheinland-Pfalz besetzt hält. Der Gottesmann war vom Erzbischof im polnischen Lublin im vergangenen Sommer nach sechsjährigem Dienst in der Eifel zurückberufen worden, zeigte sich diesem Ansinnen gegenüber seitdem aber erstaunlich obstinat. Jetzt hat das Landgericht Trier der Räumungsklage der Kirchengemeinde Schönecken stattgegeben. Im April ist Feierabend.

Pole sein heißt in völliger Vereinsamung leben, hat der Schriftsteller Andrzej Stasiuk, selber Pole, gerade in einem bemerkenswerten Interview der „Welt“ erklärt: „Pole sein heißt, der letzte Mensch östlich des Rheins zu sein“. Letzter Mensch deshalb, weil Deutsche immer ein wenig wie Roboter daherkämen und Russen ein wenig wie Tiere – was einem halt so in den Sinn kommt, wenn man gerade ein dickes Buch promoten will.

Im Fall unseres in seinem Pfarrhaus ausharrenden Geistlichen hilft aber der erste Teil der Aussage womöglich doch ein wenig bei der Motivforschung. Könnte es sein, dass der Pfarrer einfach nicht länger der letzte Mensch östlich, sondern viel lieber der erste westlich des Rheins bleiben wollte? Keine Zweifel an der Eifel. Und wenn doch einmal, dann schnell nachschlagen bei Stasiuk: „Deutschland ist schön und widerwärtig, stinklangweilig und faszinierend zugleich.“ Vbn

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