100. Geburtstag von Nelson Mandela : Miteinander stark

Verbündet für die Weltrevolution: Wie die DDR Mandela unterstützte.

Hans-Georg Schleicher
Solidarität am 1. Mai. 1985 in Ost-Berlin trägt dieser Mann ein T-Shirt mit der Aufschrift "Freiheit für Nelson Mandela und alle politischen Gefangenen".
Solidarität am 1. Mai. 1985 in Ost-Berlin trägt dieser Mann ein T-Shirt mit der Aufschrift "Freiheit für Nelson Mandela und alle...Foto: Caro/Teich

Als sich 1990 Südafrikas Gefängnistore für Nelson Mandela öffneten, waren die Deutschen nach dem Mauerfall vor allem mit sich selbst beschäftigt. Dabei war die Haltung zu Südafrika lange die Gretchenfrage der Afrika-Politik beider deutscher Staaten gewesen, bestimmt von Kaltem Krieg und Ost-West-Konfrontation.

Südafrika war für die Bundesrepublik wirtschaftlich interessant und präsentierte sich als antikommunistisches Bollwerk im Süden Afrikas. Apartheid und Rassismus wurden da schnell als südafrikanische Innenpolitik abgetan. Wachsenden Forderungen nach Sanktionen begegnete Bonn mit dem Argument, man bekenne sich zur Selbstbestimmung, wolle jedoch „Handel und Politik nicht ohne Not koppeln“. „Kritischer Dialog“, nicht wirtschaftlicher Druck sei sinnvoll. Südafrikas Befreiungsbewegung ANC wurde lange Zeit ignoriert und galt als kommunistisch gesteuert – auch Nelson Mandela.

Die DDR dagegen sah Befreiungsbewegungen als Verbündete im „weltrevolutionären Prozess“ und machte Solidarität zu ihrem Markenzeichen in Afrika, die im Falle des ANC durchaus altruistische Züge trug. Wegen Sanktionen mussten ökonomische Interessen zurückstehen. Ein Solidaritätskomitee koordinierte seit 1962 auch Solidarität für Mandela und seine Mitstreiter. Aktionen von Gewerkschaften und anderen Organisationen waren zwar zentralistisch organisiert, konnten sich aber durchaus auf bewusstes Engagement vieler Menschen stützen. Solidaritätsbasare und Weihnachtswunschkonzerte waren populär. Eher unüblich waren basisdemokratische Aktionen – aber es gab sie. Proteste der Gewerkschaftsbasis in den 1980er Jahren verhinderten die aus ökonomischen Zwängen bereits beschlossene Beschränkung von Spenden. Problematisch für die DDR-Politik blieb jedoch der Widerspruch zwischen ihrer internationalen Unterstützung des Selbstbestimmungsrechts und der Realität im eigenen Land.

In Ost-Berlin gab es seit 1978 eine ANC-Vertretung

In der Bundesrepublik organisierte sich seit den frühen 1970er Jahren zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen die Südafrika-Politik Bonns, für die Unterstützung der Befreiungsbewegungen. 1973 entstand eine Aktionsgruppe Freiheit für Nelson Mandela. Die Anti-Apartheid-Bewegung (AAB) organisierte öffentlichkeitswirksam Konferenzen und Großdemonstrationen und trat vor der Uno auf. Sie prangerte die Kollaboration westdeutscher Unternehmen mit Südafrika an und fokussierte dabei auf den militärischen und nuklearen Bereich.

Erst als Mandela bereits international die Symbolfigur des südafrikanischen Widerstandes war, akzeptierte auch das offizielle Bonn den ANC, der dort 1983 ein von der Friedrich-Ebert-Stiftung unterstütztes Büro eröffnete. In Ost-Berlin gab es bereits seit 1978 eine ANC-Vertretung mit semi-diplomatischem Status. Der ANC erhielt seit den 1960er Jahren vielfältige Hilfe, seine Führer wurden auch von Erich Honecker empfangen.

Ostdeutsche Schulen und Arbeitsbrigaden trugen Mandelas Namen. Er erhielt die Ehrendoktorwürde der Leipziger Universität und die höchste internationale Auszeichnung der DDR. Beeindruckt hatten ihn – so berichtete damals seine Tochter – Zehntausende Kartengrüße ostdeutscher Kinder und Jugendlicher, die er im Gefängnis erhielt. Er betrachtete sie als Zeichen von Herzen kommender Solidarität.

Seit seiner Freilassung war Mandela stes ein gefragter Gesprächspartner deutscher Politiker. Beim Besuch in Deutschland 1990 stand die DDR jedoch nicht mehr auf dem Programm. In Bonn trafen Mandelas Kampfgefährten aber auch Vertreter der AAB. Die Solidarität war nicht vergessen. 1993 und 2012 wurden ost- und westdeutsche Anti-Apartheidsaktivisten zu Solidaritätskonferenzen des ANC eingeladen. Im persönlichen Gespräch würdigte Mandela auch die DDR-Solidarität, die ebenfalls Thema bei Konferenzen zur Geschichte des Befreiungskampfes blieb.

Der Autor war Botschafter der DDR in verschiedenen afrikanischen Ländern.

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