Hassan wollte weg. Und kam nach Deutschland

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100 Jahre Save the Children : Jedes Kind zählt – immer, überall
Antonia Rados

Zwei Monate bevor Hassan 18 wurde – oder wie alt er auch immer war –, erklärte er mir während eines meiner Aufenthalte in Bagdad in seinem unverständlichen Kauderwelsch aus Arabisch und Englisch, er habe die Nase voll. Überall würden Bomben explodieren. Die kleine Schwester sei an der Hand verletzt worden. Die Islamisten besorgten den Rest.

Der Irak kommt nicht zur Ruhe: sunnitische Kämpfer in Falludscha im Januar 2014.
Der Irak kommt nicht zur Ruhe: sunnitische Kämpfer in Falludscha im Januar 2014.Foto: Mohammed Jalil/dpa

Sobald er 18 wäre, würde er nach Australien auswandern. Er hätte seine (zweifelhafte) Geburtsurkunde, seinen Reisepass, etwas Geld, und Australien sei ohnehin das Land seiner Träume – neben Deutschland.

Das Schengen-Visum sollte ihm eine Chance geben

Das Schengen-Visum, das ich dem Jungen daraufhin besorgte, sollte ihm eine Chance geben. Ich wollte ihm in Deutschland eine Ausbildung ermöglichen. Danach sollte er wieder zurückkehren. Du hast im Lotto gewonnen, bläute mein damaliger Producer Alex dem jungen Iraker ein. Du wirst einen Beruf lernen und kannst für deine Familie ein wertvolles Mitglied werden. Nutze es!

Es kam nicht so.

Hassan hatte in Deutschland enorme Schwierigkeiten. Deutsch wollte ihm einfach nicht in den Kopf – was bei mir den Verdacht weckte, er sei vielleicht nicht mehr, wie in seinem Pass stand, 18, sondern möglicherweise schon 25 und damit zu alt für schnelles Lernen. Zu den sprachlichen Hindernissen kam der Druck von daheim. Beinahe jeden Abend, wenn er aus der Schule in sein Zimmer zurückkehrte, rief ein Verwandter an, um ihn daran zu erinnern, dass er ja nun im Lotto gewonnen habe und dass man auch gerne davon profitieren würde. Geldüberweisungen per Western Union seien angebracht. Da Hassan in der Ausbildung stand, hatte er gerade genug zum Leben, konnte sich dem Familienzwang jedoch nicht entziehen. Er schickte, was er konnte. Seine emotionelle Bindung an die Familie blieb stark.

Daher war er immer pleite.

Ich dachte, er kauft Drogen - es waren Geschenke für die Geschwister

Weil ich Hassan aber im Verdacht hatte, er würde sein Geld für Drogen ausgeben, durchsuchte ich einmal heimlich sein Zimmer, nur um herauszufinden, dass der Spaßvogel den Rest seines Geld für Gurkenmasken aus dem Supermarkt ausgab. Er wollte mit der Zeit gehen. Überall fand ich darüber hinaus kitschige Geschenke, die er für seine Geschwister hortete. Kinder sind eben abhängig von ihren Nächsten.

Vor einigen Jahren filmte ich in der syrischen Stadt Aleppo einen weiteren Hassan, einen ungefähr Sechsjährigen. Der Junge lief wie ein Verrückter durch rauchende Müllberge, um zwischen Bombenangriffen Plastikflaschen einzusammeln, die er verkaufte und von deren Erlös seine ganze Familie lebte.

Kinderleben in Krisengebieten ist eine Art Hölle. Und Leben in einer Hölle hat Folgen.

Bei Hassan wirkte es sich so aus, dass er immer fahriger und unaufmerksamer wurde, obwohl ihm zahlreiche Leute halfen. Fußballteams nahmen sich seiner an. Ein arabischer Lehrer, der in Deutschland seit Langem Fuß gefasst hatte, versuchte ihn sprachlich weiterzubringen. Hassan, so meinte der Mann, habe keinerlei Kenntnisse irgendeiner Sprache, weder der deutschen noch der arabischen. Es sei zu spät, meinte er, ihm etwas beizubringen. Außerdem litt Hassan unter Heimweh.

Geflüchtete aus Syrien landen auf der griechischen Insel Lesbos - wie Hassans Geschwister.
Geflüchtete aus Syrien landen auf der griechischen Insel Lesbos - wie Hassans Geschwister.Foto: Louisa Gouliamaki/AFP

Als er dann über den Sommer zurück nach Bagdad fuhr, brach Hassan den Kontakt zu mir ab und tauchte unter. Später erfuhr ich, dass er mit einem Schmuggler nach Deutschland zurückgekehrt war, der ihm eingeredet hatte, er könne ihm schnell viel Geld verschaffen. Vorübergehend war er in einem bayrischen Auffanglager gelandet und danach in einem Berliner Knast.

Ich hörte davon im Sommer 2015, während der großen Flüchtlingswelle. Durch puren Zufall traf ich seine gesamten Geschwister auf der Insel Lesbos, wohin sie – wie so viele – über das Mittelmeer gekommen waren. Hassan sitzt in Berlin, meinte seine Schwester. Hat was ausgefressen ...

Der hübsche, aufgeweckte Hassan. Seine ersten 1000 Tagen waren vielleicht zu lange vergangen. Vieles lässt sich später nicht mehr gutmachen. Doch versuchen muss man es trotzdem. Bei jedem Kind. Immer wieder.

Die österreichische Fernsehjournalistin und promovierte Politologin Antonia Rados (65) arbeitet seit rund 40 Jahren als Auslandskorrespondentin und Reporterin in Kriegs- und Krisenregionen, zunächst für den Österreichischen Rundfunk (ORF), später für den WDR, die Mediengruppe RTL Deutschland und das ZDF. Für ihre Reportagen, zum Beispiel aus Bosnien und Herzegowina, Südafrika, Somalia, Iran und Afghanistan, wurde sie vielfach ausgezeichnet, unter anderem drei Mal und zuletzt im Januar 2019 mit dem Deutschen Fernsehpreis. Antonia Rados lebt in Paris.

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