100 Jahre Tschechoslowakei : Geburtstag ohne Geburtstagskind

Mit einem Galakonzert feiern Deutsche, Slowaken und Tschechen den 100. Geburtstag der Tschechoslowakei. Die Länder blicken auf eine wechselhafte Geschichte.

Die historische Burg mit der Karlsbrücke in Prag.
Die historische Burg mit der Karlsbrücke in Prag.Foto: Bernd Weißbrod/dpa

Wie begeht man einen runden Geburtstag, wenn der Jubilar nicht mehr unter uns ist? Slowaken und Tschechen begingen ihre Feier in Berlin zum 100. Geburtstag der Gründung der Tschechoslowakei mit Witz und Selbstironie, mit Dankbarkeit, dass die gefährlichen Lebensphasen des aufgelösten gemeinsamen Staates am Ende so glimpflich geendet haben, und mit einem versöhnlich-optimistischen Blick in die Zukunft.

Fröhlicher Kontrapunkt zu deutsch-polnischen Kontroversen

So wurde das Galakonzert am Samstag Abend in der Philharmonie zu einem fröhlichen Kontrapunkt zum deutsch-polnischen Rückblick auf hundert Jahre polnische Eigenstaatlichkeit am vergangenen Dienstag im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Die deutsch-polnische Feier hatte durch die Präsenz der beiden Staatspräsidenten, Frank-Walter Steinmeier und Andrzej Duda, einen festlicheren Rahmen. Sie machte aber zugleich die beträchtlichen politischen Meinungsverschiedenheiten zwischen beiden Ländern unübersehbar.

Differenzen gibt es auch zwischen der Slowakei, Tschechien und Deutschland. Sie werden aber weniger streitbar ausgetragen. Die Atmosphäre beim Konzert und beim anschließenden Empfang war lockerer und geradezu freundschaftlich. Dazu trugen das Slowakische Kammerorchester unter Ewald Danel sowie die tschechischen Solisten Ivo Kahánek (Klavier), Jan Fišer (Geige) und Tomáš Jamnik (Cello) mit ihrer zupackenden wie fröhlichen Interpretation der Werke von Eugen Suchon, Roman Berger, Bohuslav Martinu und Leoš Janáček bei. Das Publikum erklatschte sich vier Zugaben.

Keine Grenzkontrollen, kein Geldumtausch - ein Traum wird wahr

František Ružička, Staatssekretär im Slowakischen Außenministerium hatte zu Beginn des Konzerts den Ton gesetzt. Er sei in bester Laune von Bratislava nach Berlin gekommen: keine Grenzkontrollen, kein Geldumtausch, da die Slowakei längst den Euro eingeführt hat - "davon konnten die Generationen vor uns nur träumen".

Tomáš Kafka, Generaldirektor im tschechischen Außenministerium, verband in der ihm eigenen Ironie den melancholischen Rückblick auf die untergegangene Tschechoslowakei mit der Erleichterung, dass 1993 eine friedliche Trennung gelang. Kafka, der zugleich Schriftsteller und Übersetzer ist und in den 1990er Jahren als Kulturattache der Botschaft in Berlin gelebt hatte, hob hervor, wie konstruktiv die Slowakei und Tschechien nach Lösungen für ihre Meinungsverschiedenheiten suchen; das gelte ebenso für das Verhältnis beider Staaten zu Deutschland.

"Nachbarn vom Herzen her"

"Wir sind Nachbarn vom Herzen her", beschrieb Walter Lindner, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, das heutige Verhältnis. Dass es so kam, sei keineswegs selbstverständlich. Das Jahr 1918 erlebten die mitteleuropäischen Völker sehr unterschiedlich. Für Deutschland bedeutete es einen verlorenen Krieg, das Ende des Kaiserreichs, die Revolution und dann eine problembeladene Zeit erster Gehversuche mit der Demokratie. Slowaken und Tschechen freuten sich über nationale Selbstbestimmung nach Jahrhunderten im österreichisch-ungarischen Vielvölkerreich und gründeten ihren gemeinsamen Staat. Der zerbrach 1938 am deutschen Hegemonieanspruch. Im Prager Frühling 1968 sei der Reformpolitiker Alexander Dubček ein Held für ihn gewesen, bekannte Lindner. Später wurde erst die "samtene Revolution" 1989 und dann die friedliche Trennung der Slowaken und Tschechen 1993 zu einem Vorbild, wie man getrennte Wege gehen und doch gemeinsam handeln kann.

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