100. Jahrestag des Kriegsendes : Der Nationalstaat hat sich nicht überlebt

Polen und andere Nachbarn in Deutschlands Osten feiern 100 Jahre Souveränität. Die wollen sie nicht für die EU aufgeben - aus guten Gründen. Ein Kommentar.

Feier in Warschau zum EU-Beitritt: Begrenzte Liebe zum supranationalen Europa.
Feier in Warschau zum EU-Beitritt: Begrenzte Liebe zum supranationalen Europa.Foto: picture alliance / dpa

Der November 2018 ist übervoll an historischen Daten. Da ist der deutsche Dreiklang im Rückblick auf das Ende des Kaiserreichs und die Ausrufung der Republik 1918, auf die Reichspogromnacht 1938 und auf den Mauerfall 1989. Da ist das – offiziell gesamteuropäische – Gedenken an das Ende des Ersten Weltkriegs, zu dem sich 60 Staatsoberhäupter und Regierungschefs am Sonntag in Paris treffen. Es wirkt freilich unvollständig, da sich der deutsche Blick auf den Westen konzentriert, besonders auf die Aussöhnung mit Frankreich.

Deutschland blickt nach Westen, der Osten bleibt unterbelichtet

Unterbelichtet bleibt Mittel-, Ost- und Südosteuropa, obwohl vor hundert Jahren die Geschehnisse dort im Mittelpunkt standen. Sie prägen die politischen Konflikte in der EU bis heute: im Ringen, wie viel nationalstaatliche Souveränität und wie viel supranationale Organisation Europa braucht, um ein Maximum an Frieden, Stabilität und Selbstbestimmung zu erreichen.

Der Erste Weltkrieg hatte in Sarajevo begonnen, mit dem Anschlag auf den habsburgischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie. Er endete mit der Neuordnung der Landkarte Europas. Dazu gehört, dass Deutschland im Westen Elsass-Lothringen wieder verlor. Einschneidender war aber, was sich im Osten tat.

Vier Vielvölkerreiche zerbrachen: das Osmanische Reich, die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie, das zaristische Russland, das deutsche Kaiserreich. An ihre Stelle traten mehr als ein Dutzend Nationalstaaten, die zum Großteil nie zuvor Eigenstaatlichkeit erlebt hatten, von den drei baltischen Republiken über Polen und die Tschechoslowakei, die auf Provinzen ihrer ehemaligen Größe reduzierten Kleinstaaten Österreich und Ungarn bis nach Jugoslawien. „Jede Nation ein Staat!“, hatte US-Präsident Woodrow Wilson als neues Ordnungsprinzip vorgegeben.

Was wir heute modern nennen, galt damals als überholt

Es war eine Revolution im Selbstverständnis der Völker, die damals überfällig und unausweichlich erschien. Das 19. Jahrhundert war eine Ära der Besinnung aufs Nationale. Das supranationale Prinzip, das viele Deutsche 2018 in Form der EU als zukunftsweisend betrachten, galt 1918 als überholt.

Doch die Organisationsform, die damals als modern galt, brachte bald Unfrieden und misslang im ersten Anlauf. Zwar nicht überall, die Tschechoslowakei erwies sich als stabile Demokratie, bis Hitler sie 1938 zerschlug. In Deutschland, Polen und anderen Staaten aber scheiterten die demokratischen Gehversuche an ethnischen Konflikten und fehlender Erfahrung, wie ein demokratisches Miteinander funktionieren könnte.

Vor allem fand Deutschland sich nicht mit der neuen Nachbarschaft im Osten ab. Es grenzte nicht mehr ans Zarenreich, sondern an Polen, das nach 123 Jahren Teilung die Eigenstaatlichkeit zurückgewann; an die Tschechoslowakei, in deren Grenzen Millionen Deutsche lebten; und in Ostpreußen an Litauen.

Deutsche hofften, die "Saisonstaaten" würden nicht lange leben

Das hässliche Wort von den „Saisonstaaten“ stand für die Erwartung, dass es bald eine Korrektur rückwärts auf der Landkarte geben werde. Weißrussland und die Ukraine hielten ihre Versuche zur Nationalstaatsgründung in der Tat nicht durch. Anderen brachte der Hitler-Stalin-Pakt den Tod.

Das Konzept souveräner Nationalstaaten konnte sich in der Ära 1918 bis 1939 nicht durchsetzen; der Traum vom eigenen Staat starb aber nicht. Nach dem Zweiten Weltkrieg begann eine Auseinanderentwicklung von West- und Osteuropa, die bis heute fortwirkt. Und in Westdeutschland entwickelte sich ein Verständnis von Staatlichkeit, das andere Europäer nicht teilen –, was jedoch hierzulande beharrlich ignoriert wird.

Osteuropa erlebt Integration als Zwang, Westeuropa als Chance

Die Völker Ostmitteleuropas erlebten die Eingliederung in den von der Sowjetunion dominierten Ostblock als erzwungene Supranationalität. Diese Erfahrung erklärt das nun wieder aufflackernde Unbehagen an der EU, auch wenn die keine Zwangsgemeinschaft ist. In Westeuropa hingegen war europäische Integration eine freiwillige Entscheidung. Nur in Deutschland entstand dabei ein sehr spezielles Narrativ vom Zweck der EU: Dass diese Integration den Nationalstaat überwinden solle, was zugleich als Erlösung von der deutschen Geschichte galt. Doch: Warum sollen Franzosen, Engländer, Spanier, Polen oder die nun wieder staatlich getrennten Tschechen und Slowaken ihren Nationalstaat als etwas Schlechtes und Überholtes betrachten?

Der 100. Jahrestag des Kriegsendes, das 1918 zur nationalstaatlichen Neuordnung Europas führte, könnte für die Deutschen Anlass sein, über das richtige Verhältnis von Nationalstaat und supranationaler Organisation nachzudenken. Ist die immer weitere Integration alternativlos? Wird sie von den Nachbarn ebenso gewünscht? Die Konflikte um den Brexit, den Euro, die Migration und den Vorrang des EU-Rechts über nationales Recht zwingen dazu, die Machtverteilung zwischen Nationalstaat und EU neu auszutarieren. Dabei darf ein moderater Rückbau in den Bereichen, in denen die EU erkennbar nicht funktioniert, kein Tabu sein.

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