Die Leute mögen Gauck, weil er so anders ist

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100 Tage im Amt : Wie Joachim Gauck zum Präsidenten der Herzen wurde

Seit diesem Tag ist der Bürger Gauck Präsident aller Deutschen, und es gab, Angela Merkel und ein paar Linke mal ausgenommen, kaum jemanden im Land, der diese Wahl als einen Fehler gesehen hat. Mit seinen 72 Lebensjahren, die meisten als Pfarrer und Staatskritiker in der DDR verbracht, gilt Joachim Gauck als Inbegriff eines aufrechten, glaubwürdigen und verlässlichen Mannes. Einer, der kluge Worte zu wählen und zu setzen weiß. Seine Natürlichkeit und vor allem sein Vermögen, sich immer wieder zu befreien von nichtssagenden Sprechblasen der Politiker: Das ist es, was die Leute an ihm schätzen. „Kandidat der Herzen“ wurde er einmal genannt.

100 Tage ist Joachim Gauck jetzt im Amt, und längst ist aus dem Kandidaten auch ein Präsident der Herzen geworden. Die Leute mögen ihn, gerade weil er so anders ist als die anderen da oben an der Macht. Und das ist ja schon mal was, nach all dem Ärger und der Verachtung, die dem Amt unter Gaucks Vorgänger Christian Wulff entgegenschlug. Er macht sie vergessen die Schmach an der Spitze Deutschlands. Jetzt haben wir ja Gauck.

Und wie wir Gauck haben. Der Präsident jagt von Termin zu Termin, rastlos. Er empfängt Botschafter, er ehrt verdiente Bürger, er trifft die Königin der Niederlande, reist zu Staatsbesuchen nach Polen, nach Israel, nach Italien. Kaum eine Woche vergeht, in der Joachim Gauck nicht in den Schlagzeilen der Zeitungen erscheint. Natürlich waren auch die Kalender seiner Vorgänger dicht gespickt mit Protokollarischem. Es gehört nun mal zu den Pflichten eines frisch gewählten Bundespräsidenten, sich der Öffentlichkeit im In- und Ausland am Anfang vorzustellen.

Bildergalerie: Joachim Gaucks Vereidigung

Vereidigung von Joachim Gauck
Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: dapd
23.03.2012 16:20Vorwärts für Deutschland: Am Schloss Bellevue wird der Bundespräsidenten mit militärischen Ehren empfangen.

Und doch ist es mit diesem Präsidenten anders als mit seinen Vorgängern Wulff und Köhler. Während die zunächst ganz und gar in den Grenzen ihrer Ämter aufzugehen schienen, hat man bei Gauck sofort den Eindruck, als hätten die Bühne gleich zwei Männer betreten – der Bundespräsident und Gauck.

Auf der einen Seite ist da der wortgewaltige Pastor, selbstgewisser Seelenfänger mit unbändigem Sendungsbewusstsein. Ein Mann, vital und herzlich, der die Freiheit lange vermisst hat und sie nun umso mehr zu seinem Lebensthema erkoren hat. Und neben ihm muss sich der oberste Diener des Volkes behaupten, der Präsident, oberster Repräsentant mit fest gefügten Dienstpflichten, die so weit gehen, ihm vorzuschreiben, wann er wem bei einem Bankett die Hand zu reichen und wie lange er sich wo aufzuhalten hat. Zu den Nachteilen dieses Amtes, hat Christian Wulff einmal gesagt, gehöre es, dass er immer der Letzte sein müsse, der zu einer Party kommt, und der Erste, der sie verlässt.

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