Gauck und Merkel

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100 Tage im Amt : Wie Joachim Gauck zum Präsidenten der Herzen wurde

Angela Merkel hat das auf ihre Weise schon zu spüren bekommen. Auf der Terrasse des Jerusalemer King-David-Hotels hat Gauck mal eben ihren Begriff von der deutschen „Staatsräson“ in Bezug auf die Sicherheit Israels einkassiert, ohne im Kern anderer Meinung zu sein oder zu erkennen zu geben, was er selbst wohl täte, wenn Israel in einen Krieg verwickelt würde. Und nachdem sie den Wahlverlierer Norbert Röttgen auch aus dem Amt des Umweltministers warf, musste der Präsident diesen Akt der Härte öffentlich vollziehen. Doch Gauck wollte sich bei der Amtsübergabe an Röttgens Nachfolger Peter Altmaier keineswegs zum bloßen Vollstrecker Merkel’scher Machtentscheidungen machen lassen. Geschickt nutzte er die Gelegenheit, mit lobenden Worten über den Politiker Röttgen die Kälte seines Rauswurfs offenzulegen. Und die Kanzlerin musste, so verlangt es eben das Protokoll, die ganze Zeit neben ihm stehen und zuhören. Sie, die ostdeutsche Pfarrerstochter, die bis zum Schluss verhindern wollte, dass er, der ostdeutsche Pfarrer in das oberste gesamtdeutsche Amt kommt. Spätestens seit diesem Tag weiß man: Dieser Präsident wird ein Präsident der Überraschungen sein.

So lugt das Andere, das Besondere an diesem Präsidenten in den ersten 100 Tagen schon überall hervor, wo er auftaucht. Zunächst sein Herz, ein offenbar riesiges Organ, das da in seiner Brust schlägt, mit unbändigem Drang nach außen. Schon an dem Tag, als Gauck Präsident wurde, war es dieses große Herz, das „mit allen Kräften Ja sagt zu der Verantwortung“. Man hat schon Amtsinhaber gesehen, die sich in schwierigeren Zeiten mit weniger Pathos auf ihre Pflichten eingelassen haben. Immerfort ist er „berührt“, „gerührt“, steht mit weinenden Augen vor dem Denkmal für die ermordeten Juden in Yad Vashem oder preist mit weiter Geste „die Pracht der Blumen“ in seinem Präsidentengarten.

Wobei er keineswegs die Rosen meint. Die „Blumen“ des Joachim Gauck sind die 400 jungen, engagierten Leute. Man kann Gaucks Hang zur Bühnen-Empathie als Gefühlsduselei betrachten. Vor allem, wenn er sein Publikum ohne Rast in alle Höhen und Tiefen seines Herzens hineinsehen lässt. Die Deutschen allerdings, so fanden jetzt Demoskopen heraus, sie mögen das Wasser in den Augen ihres Präsidenten. Es gibt ihnen das Gefühl, an etwas Bewegendem, Großem teilzuhaben. Oder einfach nur einem ganz normalen Menschen zu begegnen und nicht einem Amtsträger, wie sie zu Dutzenden in den politischen Schaltzentralen des Landes zu finden sind und mit ihrer Konformität die Verachtung der Macht schüren.

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