19. Jahrestag von "Nine-Eleven" : Erinnerungen an ein anderes Amerika

An diesem Freitag jähren sich die Terroranschläge vom 11. September 2001. Trump und Biden gedenken in Shanksville (Pennsylvania) der Opfer. Ein Kommentar

Die Frau heißt Marcie Borders. Sie überlebte am 11. September 2001 den Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers in New York City.
Die Frau heißt Marcie Borders. Sie überlebte am 11. September 2001 den Einsturz der beiden Türme des World Trade Centers in New...Foto: Stan Honda, AFP

Der Jahrestag von Nine-Eleven bringt Erinnerungen zurück an ein anderes Amerika – eines, in dem die Menschen respektvoll miteinander umgingen, sich füreinander aufopferten, den Gemeinsinn beschworen, Toleranz predigten. Es war ein Land, auf das viele stolz waren.

Das war vor 19 Jahren. Noch am Abend des 11. September 2001 versammelten sich auf den Treppen vor dem Ostflügel des Kapitols Dutzende von Kongressabgeordneten. Sie nahmen einander an die Hand, Republikaner und Demokraten, Senatoren und Repräsentanten. Dann sangen sie, erst leise, dann immer lauter „God Bless America“. Zum Schluss umarmten und trösteten sie sich.

[Mit dem Newsletter „Twenty/Twenty“ begleiten unsere US-Experten Sie jeden Donnerstag auf dem Weg zur Präsidentschaftswahl. Hier geht es zur kostenlosen Anmeldung: tagesspiegel.de/twentytwenty.]

Einige Tage später besuchte Präsident George W. Bush das Islamische Zentrum in Washington D.C. und sagte: „Das Gesicht des Terrors ist nicht das wahre Gesicht des Islam. Der Islam ist eine friedliche Religion. Wir kämpfen nicht gegen den Islam.“

Brennende Kerzen werden verteilt

Szenen der Eintracht und Einkehr. In Dallas hält ein Busfahrer plötzlich an und bittet die Passagiere, mit ihm zu beten. In Los Angeles verteilen Menschen des Nachts brennende Kerzen an Autofahrer. Auf den Stufen des Lincoln Memorials in Washington D.C. stehen mehr als 1000 Menschen und halten Kerzen. Auf dem Marktplatz von Alexandria findet im strömenden Regen ein Freiluftgottesdienst statt. Die ersten Gebete spricht ein islamischer Geistlicher.

 Noch im vergangenen Jahr, zum 18. Jahrestag der Terroranschläge, verabschiedeten Demokraten und Republikaner im Senat einstimmig eine Resolution, in der sie die historische Bedeutung des „National Memorial Trails“ würdigen. Dieser Mehrzweck-Wanderpfad - auch Strecken für Fahrräder und Autos sind vorgesehen - soll auf 1300 Meilen die Gedenkstätten „Pentagon Memorial“ (Arlington, Virginia), „Flight 93 National Memorial“ (Shanksville, Pennsylvania) und das „National September 11th Memorial“ (New York City, New York) miteinander verbinden.

Der Kontrast zu heute könnte kaum größer sein. Amerika ist gespalten, der Kongress blockiert, Liberale und Konservative misstrauen einander, die Wortgefechte sind aggressiv bis feindselig. Die Bedrohung durch Covid-19 hat nicht zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung geführt, sondern die Differenzen eher noch vertieft. Wenn’s gutgeht in diesen Tagen, wird der Blick zurück die Gefühle dafür reaktivieren, was möglich ist in einem Land, in dem die Menschen nach höheren Werten streben als dem Gewinn der nächsten Wahl.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!