20 Jahre American Jewish Committee in Berlin : Ein Bollwerk gegen Extremismus

Zum Jubiläum betont der AJC-Chef die Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft und des Kampfes gegen jede Form von Antisemitismus. Ein Gastbeitrag.

David Harris
David Harris, CEO des American Jewish Committee, beim Interview mit dem Tagesspiegel im Jahr 2007 im Mosse-Palais am Leipziger Platz.
David Harris, CEO des American Jewish Committee, beim Interview mit dem Tagesspiegel im Jahr 2007 im Mosse-Palais am Leipziger...Foto: Mike Wolff

Im Jahre 1994 erhielt ich den Anruf eines Freundes aus Boston, dessen Frage mich völlig unvorbereitet traf: Ob das American Jewish Committee ein Büro in Berlin eröffnen wolle?

Ohne auch nur einen Moment zu zögern, sagte ich ja. Vielleicht hätte ich mir mehr Zeit nehmen sollen, um die Idee und ihre möglichen Folgen zu überdenken, aber meine Begeisterung war zu groß. Vier Jahre später wurde das Büro des AJC im Herzen Berlins in Anwesenheit des damaligen deutschen Außenministers Klaus Kinkel und hunderter weiterer Ehrengäste offiziell eröffnet.

Der Initiative war von hoher Symbolkraft, ihr wohnte aber auch eine gehörige Portion Substanz inne.

Auf dem Grundstück am Leipziger Platz hatte einst das Heim der berühmten jüdischen Mosse-Familie gestanden. Nach Rückübertragung des Grundstückseigentums hatten die Nachfahren der Familie es an einen Bauträger mit der Maßgabe veräußert, dort eine lebendige jüdische Vertretung anzusiedeln. Mit dem Wissen um unser Engagement in Deutschland wurde uns das entsprechende Angebot mit jenem ersten Anruf unterbreitet.

Mein Vater gab mir seinen Segen, nach Berlin zurückzukehren

Dies war für mich auch persönlich von großer Bedeutung. Mein Vater und seine Eltern hatten 55 Jahre zuvor vor den Nazis fliehen müssen und sich geschworen, nie mehr zurückzukehren. Deswegen kann ich mich noch gut erinnern, als ich damals meinen Vater anrief, um ihn über unsere Entscheidung zu informieren, unsicher wie er reagieren würde: „Jetzt dieses Büro zu eröffnen ist ein Schritt in die richtige Richtung, denn wir leben immer mehr in einer gemeinsamen Welt. Es ist Zeit, weiter Barrieren abzubauen.“ Seinen Segen zu haben, war für mich von unschätzbarem Wert.

Auch vor dem Hintergrund der einzigartigen Beziehung des AJC mit Nachkriegsdeutschland war es der richtige Zeitpunkt, um unser Engagement zu vertiefen. Immerhin hatte das AJC, während andere jüdische Organisationen Deutschland für Jahrzehnte gemieden hatten, frühzeitig verstanden, dass Deutschland wieder eine Rolle auf der europäischen und der globalen Ebene spielen würde. Wie sich diese Rolle gestalten würde, ob als friedliebende, demokratische Nation oder als ein streitlustiger, nationalistischer Staat, das würde einen großen Unterschied machen.

Wir waren die erste jüdische Organisation, die die Wiedervereinigung unterstützte

Deswegen haben wir mit jedem neuen Jahr unsere Beziehungen vertieft, mit Regierungsvertretern, politischen Stiftungen, religiösen Würdenträgern und anderen Persönlichkeiten des gesellschaftlichen Lebens. Deutsch-jüdische Austauschprogramme kamen 1980 hinzu. So kam es, dass das AJC nach Jahren der Annäherung und Vertrauensbildung während der dramatischen Entwicklungen von 1989/90 die erste jüdische Organisation war, die die Wiedervereinigung unterstütze. Wir haben die Entscheidung nie bereut.

Im Jahre 1994 haben wir eine bahnbrechende Partnerschaft mit der Bundeswehr ins Leben gerufen, die unter anderem zu einer gemeinsamem humanitären Mission zur Unterstützung kosovarischer Muslime führte, die durch die ethnischen Säuberungen von Slobodan Milosevics Serbien ins Exil getrieben worden waren. Unsere Botschaft damals: Wenn Deutsche in Uniform und Juden sich zusammentun können, um muslimischen Flüchtlingen beizustehen, Jahrzehnte nach dem Holocaust, dann muss niemand sich von der Vergangenheit gelähmt fühlen. Im Gegenteil, wir konnten ein kraftvolles Beispiel für Kooperation und Fortschritt geben.

Das AJC Berlin konnte sich schnell einen Namen machen. Zunächst unter der Führung von Eugene Dubow, seit dem Jahr 2000 geleitet von Deidre Berger, der aktuellen Direktorin, etablierten wir uns als wichtige Stimme zu zahlreichen Fragen, unter anderem der Bedeutung der transatlantischen Partnerschaft sowohl für Europa wie auch die Vereinigten Staaten; die einzigartige Bedeutung der Deutsch-Israelischen Beziehungen, nicht nur als Konsequenz einer schmerzvollen Geschichte, sondern auch als eine Verbindung von gegenseitigem Nutzen zwischen zwei robusten Demokratien und technologischen Innovationskräften; der Wiedergeburt des lebendigen jüdischen Lebens in Deutschland, angeführt von unseren Freunden und Partner im Zentralrat der Juden in Deutschland; und als Mahner gegen jede Form einer Rückkehr des Antisemitismus, sei es von der extremen Rechten, der extremen Linken oder von Islamisten.

Der Einsatz für die transatlantischen Beziehungen und der Kampf gegen jede Form von Antisemitismus stehen ganz oben auf der AJC-Agenda

Wenn wir nach vorne schauen, sehen wir, dass unsere Agenda weiterhin zeitgemäß ist. Um nur zwei Beispiele unserer aktuellen Prioritäten zu erwähnen: Die deutsch-amerikanischen Beziehungen – und die transatlantischen Verbindungen im Allgemeinen – sind zuletzt erheblich unter Druck geraten. Wir beim AJC bleiben jedoch der festen Überzeugung, dass diese für den Weltfrieden, die Sicherheit und den Wohlstand unverzichtbar sind. Wir werden in unseren Bemühungen nicht nachlassen.

Und mit Deutschlands wachsender multikultureller Bevölkerung, mit vielen Migranten aus überwiegend muslimischen Ländern, die Erfahrungen mit Antisemitismus aus ihren Herkunftsländern haben, gibt es ein dringendes Bedürfnis, klarzumachen, dass solche Einstellungen keinen Platz im heutigen Deutschland haben. Gleichzeitig hat diese große Zuwanderung zu einer starken Gegenreaktion von ganz rechts geführt, wo es auch eine negative Einstellung gegenüber Juden gibt. All das zeigt die Bedeutung der nachhaltigen Beschäftigung mit dem, was wir die "drei I's" nennen - Immigration, Integration und Identität -, um ein Bollwerk gegen jedes erneute Aufkommen von Extremismus zu stärken.

Während wir die ersten 20 Jahre der bahnbrechenden Arbeit des Büros von AJC Berlin feiern, sind wir uns voll und ganz drüber bewusst, dass es weiterhin viel zu tun gibt. Glücklicherweise entwickelt sich die Geschichte und wir sind nicht allein. Unsere vielfältigen deutschen Partner geben uns das Vertrauen daran zu glauben, dass wir alle Schwierigkeiten, welche auch immer diese sein mögen, gemeinsam überwinden werden.

David Harris ist der CEO des American Jewish Committee, er führt die Organisation seit 1990. 

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