Was bleibt nach den Gedenkfeiern?

Seite 3 von 3
20 Jahre danach : Lichtenhagen - Das Kapitel des Bösen

Wie sieht es also aus mit der alltäglichen Achtsamkeit und Toleranz, wenn das Festzelt an diesem Sonntag abgebaut ist und der hohe Besuch wieder abgefahren in die Hauptstadt? Neun Jahre lang war Joachim Gauck Vorsitzender des Vereins „Gegen Vergessen, für Demokratie“. Als „Demokratielehrer“ hat sich Gauck bis zu seiner Wahl zum Bundespräsidenten gesehen, ist jahrein, jahraus durch Deutschland gefahren und hat seine Geschichte von Freiheit und Verantwortung erzählt. Auch durch sein bekanntes Gesicht gehört der Verein zu den namhaftesten Organisationen Deutschlands, die sich gegen rechtes Gedankengut einsetzen.

Nur in Ostdeutschland, in Gaucks eigener Heimat also, da will der Verein auch heute noch nicht so richtig Fuß fassen. Nur ganz wenige haben sich in den vergangenen 20 Jahren zwischen der Insel Rügen und dem Elbsandsteingebirge gefunden, die ehrenamtlich Veranstaltungen organisieren oder an Schulen Vorträge halten. In Mecklenburg-Vorpommern ist der Verein gegen das Vergessen so gut wie gar nicht vertreten. Im Süden Deutschlands, in Bayern, Baden-Württemberg und Hessen gibt es an jeder Ecke ehrenamtliche Helfer. Hier oben im Nordosten, sagen die Vereinsverantwortlichen in Berlin ein bisschen verschämt, da seien die Leute ehrenamtlicher Arbeit nicht so zugetan. Nur einen einzigen Ansprechpartner habe man. In Greifswald. Rostock ist ein ganz weißer Fleck. Joachim Gaucks Nachfolger an der Spitze des Vereins, der ehemalige Leipziger Oberbürgermeister und spätere Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee ist an diesem Sonntag zum Gedenken an das Pogrom gar nicht erst angereist. Tiefensee, heißt es, weile im Ausland. Nicht in dienstlicher Mission.

Auch auf der Suche nach anklagenden, erklärenden oder mahnenden Worten des heutigen Bundespräsidenten Gauck aus der Zeit vor 20 Jahren wird man nicht fündig. Hat Gauck damals das brennende „Sonnenblumenhaus“ nicht wahrgenommen? Wollte er, der oberste und in Ostdeutschland nicht unumstrittene Hüter der Stasi-Unterlagen seinen Ruf zu Hause nicht noch weiter verschlechtern, indem er seinen einstigen Nachbarn Rassismus vorwarf? Hat es den Theologen nicht dazu gedrängt, seine Mitbürger zur Mitmenschlichkeit aufzurütteln? Nichts ist überliefert an Worten des doch so wortgewaltigen Joachim Gauck aus jenen Tagen.

„Was will Herr Gauck jetzt plötzlich hier?“, haben die Blogger im Internet aus dem Mecklenburger Antifa-Milieu schon lange vor den Feierlichkeiten an diesem Wochenende gefragt. Und gemeint, dass man lieber jeden Tag Dutzende von Demokratielehrern an die Schulen schicken sollte, als nur diesen einen berühmten Demokratielehrer, der nur einmal in 20 Jahren hierherkommt. Einige haben ihrem Protest dann auch während der Gedenkrede des Bundespräsidenten Luft gemacht. „Heuchler, Heuchler“ riefen sie dazwischen und ließen sich auch von noch so vielen Sicherheitskräften nicht abdrängen. Gauck hat sich sehr über die Störer geärgert, die er „Verwirrte“ nannte und mit den Radikalen von damals auf eine Stufe stellte. „Es ist Vergangenheit, was uns heute hier zusammenführt“, sagt er. „Aber es ist auch Gegenwart.“

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

29 Kommentare

Neuester Kommentar