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50 Jahre Mauerbau : Wie Berlin den Bau der Mauer erlebte

Es liegt auf der Hand, dass dies nicht die Sicht der Deutschen und erst recht nicht der Berliner sein konnte. Und es dauerte etliche Zeit und kostete den Preis eines tiefen Umdenkens, bis die Erkenntnis reifte, dass in dem Ende, das der Mauerbau bedeutete, auch ein Anfang stecken konnte. Es war das Ausmaß der Erschütterung, das am Ende eine paradoxe Erkenntnis gebar: Nur über die Hinnahme der Realitäten kann ein Weg zu ihrer Veränderung führen. Die Politik der kleinen Schritte – wie die neue Politik zunächst hieß – begann, so Egon Bahr, „im eigenen Kopf“. Es waren jene Politiker um Brandt, die den Mauerbau am nächsten erlebt hatten, Bahr, Albertz, Schütz, die einen Weg aus dem Dilemma suchten und fanden. In langen Gesprächen vollzog diese „Handvoll Leute im Schöneberger Rathaus“ – wie Egon Bahr sagte – , auch spöttisch die „heilige Familie“ genannt, die Transformation einer Katastrophe in das Konzept der neuen Ostpolitik. An die Stelle der Forderung „Die Mauer muss weg“ trat langsam „Die Mauer muss durchlässiger werden“. Es kennzeichnete diese Politik, dass sie – wie Peter Bender, ihr Geschichtsschreiber, befand – „nicht in Bonn“ entstand, „sondern dort, wo die Spaltung am meisten schmerzte, in Berlin“.

Etwas von der Unmuts-Wucht, die hinter dem Umdenken steht, ist den Debatten abzulesen, die der Mauerbau in den folgenden Wochen in Zeitungen, unter Publizisten, Schriftstellern und Politikern entzündet. Die ganze Nachkriegszeit und ihre Konzepte werden auf die Waage gelegt und für zu leicht befunden. Eine tiefe Zerknirschung geht durch die intellektuellen Quartiere der Republik und mündet in die Suche nach Auswegen. Fünf Tage nach dem Mauerbau veröffentlicht Golo Mann seinen Aufsatz: „Das Ende der Bonner Illusionen“, der für Verhandlungen plädiert. „Berlin und keine Illusion“ heißt ein Sammelband, der zeitgenössische Publizisten von Fritz René Allemann bis zu Fritz Erler, von Margret Boveri bis zu Gerhard Schöneberger versammelt. Ein Gefühl bereitet sich aus, das den Boden für den großen Wechsel vorbereitet.

Bei einer Tagung im Juli 1963 in der Evangelischen Akademie Tutzing erreichte dieses Umdenken die breite Öffentlichkeit. In einer Rede entwarf Egon Bahr ein Politikkonzept, das sich auf eine Hinnahme der DDR mit dem Ziel einer allmählichen „Auflockerung der Grenzen und der Mauer“ richtete. Sie sollte eigentlich nur die Rede begleiten, die Brandt auf derselben Veranstaltung hielt und mit der er Überlegungen aufgriff, die er unter dem Titel: „Koexistenz: Das unausweichliche Wagnis“ im Herbst 1962 in Amerika gehalten hatte. Aber das Signal- und Reizwort vom „Wandel durch Annäherung“, mit dem Bahr seine Ausführungen krönte, machte seine Rede zum Schlüsseldokument einer neuen Politik. Das Aufsehen, das die Rede erzielte, die Auseinandersetzungen, die sie auslöste, zeigte, dass sie durchaus noch quer zum Mainstream der damaligen Debatten in der Bundesrepublik lag. Am besten hat ihr Potenzial wohl die Gegner-Seite, die DDR, erkannt - „Aggression auf Filzlatschen“ nannte sie ihr Außenminister Winzer, der die subversiven Möglichkeiten der neuen Politik spürte. Die CDU sah in ihr vor allem die Gefahr, dass die Berlin-Positionen aufgeweicht werden könnten. Aber auch in der eigenen Partei stieß die neue Politik auf Widerstände. Der um den von ihm hochstrategisch gesteuerten Parteikurs besorgte Herbert Wehner sprach wortspielerisch von „ba(h)rem Unsinn“, und in der Berliner Partei musste das neue Denken langsam, gegen vielfältiges Widerstreben durchgesetzt werden.

Tatsächlich war der Anfang, der aus dem Mauerbau entstand, alles andere als ein Selbstläufer. Er war ein schwieriges, von vielen Bedingungen und Umständen mitbestimmtes Unterfangen. Es gab keine Planskizze, die einen direkten Weg zum Ziel – weg von der geteilten Stadt – gezeigt hätte. Stattdessen das Zusammenwirken von Personen und Situationen, von dem fortwirkenden Ereignis des Mauerbaus, der wahrhaftig ein „Tag der Wahrheit“ war, und der Entschlossenheit, sich nicht damit abzufinden. „Historiker haben es einfach, nachträglich herauszufinden und zu belegen, wie aus der Mauer das Konzept der Ostpolitik wuchs“, schrieb Egon Bahr in seinen Erinnerungen. „Die Handelnden wussten das noch nicht“.

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