Ein Defa-Film zeigt Reinefarths Verstrickungen. "Kommunistische Propaganda", sagt er

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70 Jahre Warschauer Aufstand: Westerland und Ex-Nazi-Bürgermeister Reinefarth : Der fürchterliche Sylter
Warschau Westerland[Sylt]

Es kommen damals viele Vertriebene auf die Insel, die Bevölkerungszahl von Sylt verdoppelt sich. Untergebracht werden die Flüchtlinge in ehemaligen Kasernen, Hotels und Kurhäusern. Sie erzählen schreckliche Geschichten darüber, was ihnen Russen und Polen angetan haben. Von Auschwitz oder Warschau und Wola erzählen sie nicht. Sie leben in prekären Verhältnissen, werden als Fremde abgelehnt. Heinz Reinefarth findet für sich eine Nische: Er vermittelt zwischen den Syltern und den Vertriebenen.

Reinefarth, geboren in der Provinz Posen, aufgewachsen in Cottbus, ist auf Sylt kein Fremder. Eins der unauffälligen Friesenhäuser unweit vom Strand in Westerland gehört seinen Schwiegereltern. Reinefarth war hier vor 1945 oft zu Gast. Nachdem er aus britischer Gefangenschaft entlassen wurde, zog er auf die Insel. Den Briten machte er vor, er sei ein ahnungsloser Soldat und Beamter gewesen, Warschau verschwieg er. Auf Sylt fängt er nun eine politische Karriere an. Als er sich 1951 um das Bürgermeisteramt bewirbt, stimmen Stojan, die SPD und die Dänen gegen ihn. Sie scheitern. Mit den Stimmen von CDU und dem Bund der Heimatvertrieben und Entrechteten kommt Reinefarth ins Rathaus.

In Wola haben sie in den Jahren nach Kriegsende die Toten exhumiert. Zwölf Tonnen Menschenasche wurden in dem Bezirk geborgen. Wie Wissenschaftler berechnet haben, entspricht das rund 50 000 Opfern. Darunter auch der Vater, die Mutter, zwei Brüder und die hochschwangere Schwägerin von Wieslaw Kepinski. Es wird ihnen ein Denkmal auf einem neu angelegten Friedhof errichtet.

Wieslaw Kepinski überlebte als Zwölfjähriger Reinefarths Killerkommando in Warschau-Wola. Er hat kein Detail jenes 5. August 1944 vergessen.
Wieslaw Kepinski überlebte als Zwölfjähriger Reinefarths Killerkommando in Warschau-Wola. Er hat kein Detail jenes 5. August 1944...Foto: Agnieskza Hreczuk

Wieslaw Kepinski erinnert sich daran, wie er nach Kriegsende zurück nach Wola kam. Er lief zu der Kirche, wo er seine Familie zum letzten Mal gesehen hatte. Er wollte hoffen. „Ich schaute mich um. Und dann sah ich etwas Schwarzes im Gras.“ Es war ein Versicherungsausweis seines Vaters. Das Foto auf der letzten Seite zerfiel, als er es berührte. Die rechte Ecke ist ausgerissen. „Hier kam die Kugel durch. Und durch meinen Vater, der diesen Ausweis in seiner Jacketttasche trug.“ Der Ausweis muss rausgefallen sein, als die Leichen zur Verbrennung getragen wurden. Die Hoffnung starb.

Ende der 1950er Jahre las Wieslaw Kepinski dann eine Anzeige in einer Zeitung. „Ein Deutscher suchte nach Augenzeugen des Massakers in Wola.“ Er ging hin. Der Mann fragte nach Reinefarth, ob er dabei gewesen war. Kepinski wusste es nicht. Er wusste nur, dass es Deutsche waren, die seine Familie erschossen haben. Vorgestellt hatte sich keiner.

Stojan hat nie mit Reinefarth direkt gesprochen. Das wäre sinnlos gewesen, meinte er

Die polnischen Behörden stellen mehrere Auslieferungsanträge für Reinefarth. Alle werden abgelehnt. Später erfährt Stojan, dass die Amerikaner Reinefarths alte Geheimagentenkontakte im Osten nutzen wollten. Währenddessen boomt Westerland. Touristen kommen wieder, Infrastruktur wird ausgebaut, den Bewohner geht es gut. Niemanden interessiert, was im weit entfernten Polen passiert ist. Nur Ernst Wilhelm Stojan lässt nicht nach. Er macht sich damit keine Freunde. Er sei ein Nestbeschmutzer, hört er. Sogar in der eigenen Partei trifft er auf Freunde von Reinefarth.

Heinz Reinefarth liest die Zeitungen, in denen Stojan ihn als Verbrecher bezeichnet. Er hört im Landtag, wie Stojan seine Fraktion über seine Vergangenheit aufklärt. Direkt reden sie nie darüber. „Meine Intention war, mit diesem Mann sprichst du nicht über seine Vergangenheit. Er hat sie selbst nicht verarbeitet, und er war nicht bereit, sich zu dem zu bekennen, was er getan hat“, erklärt Stojan. 1957 wird Reinefarth als Bürgermeister wiedergewählt. Ein Jahr danach zieht er in den Landtag ein. Das ist keinem anderen ehemaligen SS-General jemals gelungen. Reinefarth habe offensichtlich selbst nicht mehr geglaubt, dass er bei der SS war, vermutet Stojan. Als die ostdeutsche Defa 1957 in dem Film „Urlaub auf Sylt“ Reinefarths Vergangenheit thematisiert, tut er die Behauptungen als kommunistische Propaganda ab. Die Sylter kaufen es ihm ab. Erst in den 60er Jahren wird es eng für ihn: Die Staatsanwaltschaft ermittelt, als bei Recherchen des Lüneburger Historikers Hanns von Krannhals neue Beweise auftauchen. Etwa die Anlagebände zum Kriegstagebuch der 9. Deutsche Armee, in denen Reinefarths Dienstgespräche in Warschau aufgezeichnet wurden. Darin spricht er auch über erschossene Zivilisten. Die Ermittlungen werden zwar eingestellt, doch dem Landtag wird es mit Reinefarth jetzt zu heikel. Unter Druck tritt er als Abgeordneter zurück, dann als Bürgermeister. Bis zu seinem Tod 1979 arbeitet Reinefarth als Anwalt.

Ein Schweizer Doktorand bringt mit seinen Untersuchungen die Wende

„Ernst Stojan, lass es sein, es ist schon so viel Zeit vergangen“, hört Stojan auch danach. „Polen und Russen waren nicht besser!“, oder „Es war Krieg, jeder hat es gemacht.“ Schleswig-Holstein gilt als Hochburg der ehemaligen Nazis. Der Enkel erzählt, Reinefarth sei ein guter Opa gewesen, die Tochter betont, er sei nie schuldig gesprochen worden. „Aber er war es“, sagt Stojan und klopft auf das Ende April erschienene Buch, das auf dem Tisch liegt. „Der Fall Reinefarth“ von Philipp Marti. Es brachte die Wende.

Der Schweizer Doktorand kam 2011 nach Sylt. Er durchwühlte alle Archive, beschäftigte sich mit Unterlagen, die kaum jemand bisher lesen wollte. Stojan bemühte sich darum, dass die Stadt sich finanziell an dem Buch beteiligt. Der Schweizer wurde auf der Insel zur höchsten Instanz. Vielleicht, weil ihm als Schweizer niemand vorwerfen konnte, er sei parteiisch. Vielleicht, weil er zu den Jungen gehört, die unbelastet sind und offen, wie Stojan sagt. Im Rathaus, in der Kirche – in jeder Institution der Stadt ist das 400-seitige Buch zu finden. Wie ein Zeichen, dass man reden will.

Stojan hat das Grab von Reinefarth nie gesehen. Es ist in Keitum, wenige Kilometer entfernt. Der Pastor in Westerland wollte den Henker aus Warschau nicht bei sich beerdigen. Offiziell, weil Reinefarth kein Mitglied der Kirche war. Unter einem schlichten Grabstein ruht der ehemalige Bürgermeister und SS-General. Zusammen mit seiner Ehefrau und der Schwiegermutter. Man hat ein Ritterkreuz mit Eichenlaub in den Stein gravieren lassen. Als die jetzige Pastorin unter Gemeindemitgliedern herumfragte, wer bei der Beerdigung gewesen sei, stieß sie auf Schweigen.

Westerland hat umgedacht. 70 Jahre nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands, an der Heinz Reinefarth blutigen Anteil hatte, bringt die Stadt eine Mahntafel am Rathaus an. "Beschämt verneigen wir uns vor den Opfern", steht dort.
Westerland hat umgedacht. 70 Jahre nach der Niederschlagung des Warschauer Aufstands, an der Heinz Reinefarth blutigen Anteil...Foto: dpa

Ein anderes Schweigen ist seit vorgestern, seit Donnerstag, dem 31. Juli 2014, vorbei. Seitdem hängt am Rathaus eine Mahntafel mit dem Text: „Mehr als 150 000 Menschen werden ermordet, unzählige Männer, Frauen und Kinder geschändet und verletzt. Heinz Reinefarth, von 1951 bis 1963 Bürgermeister von Westerland, war als Kommandeur einer Kampfgruppe mitverantwortlich für dieses Verbrechen. Beschämt verneigen wir uns vor den Opfern und hoffen auf Versöhnung.“ Die Sylter Politiker, auch die jetzige Bürgermeisterin und Bürgervorsteher, haben entschieden, dass die Aufarbeitung nötig ist. Nicht jedem gefällt das. An Anja Lochner und ans Rathaus werden unfreundliche Mails geschickt.

Am 5. August werden die Bürgermeisterin Petra Reiben, der Bürgervorsteher Peter Schnittgard und die Pastorin Anja Lochner nach Warschau kommen, um der Opfer ihres früheren Bürgermeisters zu gedenken. Wieslaw Kepinski ist auch eingeladen.

Als er erfuhr, dass die Sylter nach Warschau kommen, tauchte plötzlich ein irrationales Gefühl auf. „Ich dachte, dass vielleicht jemand kommen würde, der damals bei der Kirche war, und bringt das zu Ende, was dort angefangen wurde. Total verrückt!“ Wieslaw Kepinski lacht etwas verlegen, als ob er sich für seine Ängste entschuldigen möchte.

Dem 88-jährigen Stojan hat der Arzt abgeraten, nach Warschau zu reisen. Ein wenig Bedauern bleibt. „Ich möchte euch als Sylter um Vergebung und Versöhnung bitten“, hätte er in Warschau gern gesagt. Und sich ein wenig daran erfreut, dass das beklemmende Gefühl, weil bei ihm zu Hause derjenige unbestraft blieb, der so viel Leid angerichtet hat, jetzt weg ist.

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